Die Chancen ergreifen

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 22. November 2020

SC Freiburg

Marvin Pieringer ist auf einem guten Weg, bei den Profis des SC Freiburg Fuß zu fassen.

U-23-Angreifer Marvin Pieringer stürmt derzeit so erfolgreich, dass er zu den Profis des SC Freiburg aufgerückt ist. Während seine Teamkollegen aufgrund der Pandemie derzeit nur trainieren können, steht der Offensiv-Akteur der Sportclub-Reserve kurz vor dem nächsten Karriereschritt.

Eins muss man ihnen beim SC Freiburg lassen: Sie besitzen die Gabe, das emotionale Level stets auf einem überschaubaren Niveau zu halten. Weder im Abstiegskampf noch im Run um die Europacup-Plätze: Überbordendes Selbstbewusstsein oder herzzerreißenden Fatalismus sucht man an der Schwarzwaldstraße vergebens. So gesehen hat sich Marvin Pieringer in seinen zwei Jahren bei den Breisgauern gut eingelebt.

"Ich bin einfach froh, dass ich diese Chance gerade bekomme", sagt Marvin Pieringer am späten Mittwochnachmittag. Hinter dem Nachwuchsstürmer liegt ein Tag mit zwei Trainingseinheiten bei den Profis. Der Körper ist geschafft, Pieringer glücklich.
In elf Regionalliga-Spielen hat der Stürmer des SC Freiburg II bisher zwölf Mal getroffen. Vor einem Monat schoss er gegen den TSV Steinbach-Haiger gleich vier Tore. Kein Regionalliga-Spieler hat bisher häufiger eingenetzt.

70 Minuten im Testspiel gegen Sandhausen dabei

Der Lohn: In den vergangenen zwei Wochen hat Pieringer fest bei den Profis mittrainiert. Beim Testspiel gegen Sandhausen stand er 70 Minuten auf dem Platz. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass Pieringers Bundesliga-Debüt kurz bevorsteht.

Pieringer könnte durchaus enthusiastischer klingen, wenn er davon erzählt. Doch der 21-jährige Württemberger ist kein überbordender Gesprächsvulkan. Der Offensiv-Akteur besticht durch fußballerische Taten, nicht durch vor Selbstbewusstsein strotzende Satz-Stafetten. "Er ist ein fleißiger Arbeiter, deswegen freut es mich für ihn derzeit ganz besonders", sagt U-23-Trainer Christian Preußer.

Pieringers Leistungsentwicklung gleicht dem Traum eines jeden Karriereplaners: Nachdem sich der Angreifer in seiner ersten Saison schwertat, besonders vor dem Tor kaum effektiv war, kam er vergangene Spielzeit immer besser rein. Athletisch legte er deutlich zu. Plötzlich wurde der zuvor so hemmend wirkende lange Körper des 1,90-Manns zum Trumpf. "Er nutzt seine Köperlichkeit sehr geschickt aus", sagt Preußer und fügt hinzu: "Auch schon bei den Profis."

Und da aller guten Dinge drei sind, zeigt seine Leistungskurve aktuell steil nach oben. In seiner dritten Saison hat sich Pieringer zu einem der Kandidaten der Reservemannschaft entwickelt, die als erste für die Erste berufen werden.

Was aber zeichnet den derzeitigenÜberflieger aus, der beim einstigen Zweitligisten SSV Reutlingen sein fußballerisches Einmaleins mit auf den Weg bekam? Zum einen wäre da das Offenkundige: Er schießt viele Tore. "Ich fühle mich derzeit sicher vor dem Tor", sagt der Stürmer nüchtern.

Zum anderen aber zeichnen den Kicker Facetten aus, für die man etwas tiefer blicken muss. "Er ist mittlerweile in der Lage, Bälle zu halten und weiterzuleiten", findet sein Trainer. Pieringer trifft nicht nur selbst, sondern bereitet auch vor. Ein wenig wie Nils Petersen, der Torjäger des Bundesliga-Teams des SC, an dem sich der Reutlinger ganz bewusst orientiert.

Zwei U-19-Spieler jetzt bei der U 23

Für Trainer Preußer hat die Entwicklung seines Stürmers Modellcharakter. "Das ist der Weg, den wir anstreben", sagt der 36-jährige Fußball-Lehrer. Talente früh entdecken, in der zweiten Mannschaft fördern, taktisch, technisch weiterbilden, ihnen dabei gleichzeitig viel Spielzeit geben. Und dann nach und nach in Richtung Bundesliga entwickeln. "Ohne aber irgendetwas zu überhasten. Die Entwicklung bei Marvin ist ja noch nicht fertig."

Während Pieringer nun also unter Bundesliga-Trainer Christian Streich stürmt, müssen seine Kollegen derzeit auf den Wettkampf verzichten. Zwar dürfen sie als Berufssportler trainieren, aber die Regionalliga Süd steht seit drei Wochen still. Ob es im Dezember wie geplant weitergeht, steht aktuell in den Sternen. Aus Sicht der SC-Reserve kam die Unterbrechung zur Unzeit. Nach elf absolvierten Spielen ist das Preußer-Team Tabellenführer. Besonders offensiv glänzt die U 23. Bereits 34 Tore hat das Team fabriziert. Keine andere Mannschaft kommt der Sportclub-Reserve in dieser Rubrik auch nur nah.

Nun aber ist sie zum Trainieren verdammt. "Wir nehmen es positiv", sagt Preußer und vergleicht die Situation mit der Runden-Vorbereitung. "Für technische und individuelle Dinge hat man sonst während der Saison nie so viel Zeit." Und so treibt der Trainer die spielerische Entwicklung voran. Manchmal können Pausen auch etwas Positives haben. In Emilio Kehrer und Alexander Bazdrigiannis hat er zwei U-19-Spieler hochgezogen. Pieringers Weg soll für sie und die restlichen "jungen Wilden" des Sportclubs zum Vorbild werden.