"Man hat eine Stimme"

Claudia Bachmann-Goronzy

Von Claudia Bachmann-Goronzy

Di, 08. Oktober 2019

St. Peter

Flüchtlinge sowie ehren- und hauptamtliche Betreuer diskutieren in einem Seminar des Caritasverbands über das Thema Demokratie.

ST. PETER. Um "Demokratie in Vielfalt" ging es kürzlich in einem zweitägigen Seminar des Caritasverbandes Breisgau-Hochschwarzwald. In dieser Dialog-, Mitmach- und Denkwerkstatt für zugewanderte und einheimische Menschen fanden sich in St. Peter 21 Teilnehmer zusammen, die das Thema Demokratie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachteten, diskutierten und bearbeiteten.

"Es ging nicht darum, die Geflüchteten zu schulen oder ihnen zu zeigen wie Demokratie funktioniert", sagt Theresa Stecklum, stellvertretende Fachdienstleitung im Fachbereich Integration und Migration beim Caritasverband Breisgau-Hochschwarzwald. "Es ging darum, sich auszutauschen und voneinander zu lernen." Geklärt werden sollte zunächst, "welches Verständnis haben wir von Demokratie, was verstehen wir darunter, und welche Erwartungen haben wir an Demokratie", weshalb das Seminar mit Blick auf Erfahrungen mit Demokratie startete. Unter den Teilnehmern im Alter zwischen 20 und 86 Jahren waren elf geflüchtete Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, sechs in der Flüchtlingsbetreuung ehrenamtlich Tätige und vier Hauptamtliche des Caritasverbandes.

"Es war eine gute Erfahrung und ein Erlebnis, wie Leute aus verschiedenen Kulturen und Religionen ihre Meinungen auf einen Tisch brachten", sagt Mohammad Alsahhar. Der 24-jährige Syrer kam als Flüchtling nach Freiburg. Er studiert soziale Arbeit und macht derzeit ein Praktikum bei der Caritas. In seinem Land werde zwar auch von Demokratie gesprochen, diese richte sich jedoch nur nach außen, also anderen Ländern gegenüber. Innerhalb des Landes werde die Demokratie nicht praktiziert, sagt er.

Mofed Akoub, ebenfalls Syrer, kam vor vier Jahren als Flüchtling nach Freiburg. Sein Abiturzeugnis wurde in Deutschland anerkannt, so dass er nun Politikwissenschaft studiert, weshalb ihn dieses Seminar besonders interessierte. "Laut Verfassung ist Syrien demokratisch, aber praktisch eben nicht", bestätigt er die Aussagen seines Landsmanns. Und die deutschen Teilnehmer? "Als sie die Geschichten anderer Länder hörten, sagten sie, sie sind froh, dass sie in einer Demokratie leben", sagte Akoub. Einige Ältere hätten jedoch darauf hingewiesen, dass man die Demokratie in Deutschland "nicht nur schön reden darf, weil nicht einfach alles prima läuft. Es gibt noch viel zu tun und weiter daran zu arbeiten", so Stecklum.

Wichtig ist, miteinander zu sprechen

Um nicht nur über Demokratie zu reden, sondern sie auch erlebbar zu machen, gab es ein Planspiel. Ein altes Schulhaus sollte umgebaut werden, und die Bürgermeisterin hatte die Bürger dazu aufgerufen, sich mit Vorschlägen einzubringen. Anhand dieser Vorlage wurde für alle Teilnehmer deutlich, was Bürgerbeteiligung bedeutet. "Andere Meinungen zu akzeptieren, ist manchmal etwas schwierig, und ich dachte, ich kann das nicht akzeptieren", gibt Akoub zu, doch habe er gelernt zu akzeptieren und erfahren, was Demokratie in der Gesellschaft bedeutet. Anhand des Planspiels sei deutlich geworden, wie wichtig es sei, erst einmal miteinander zu sprechen, um zu erkunden, was wer denkt, sagt Stecklum. "Sich zu sehen und zu hören, ist eine wichtige Basis. Dann kann man sich kennenlernen, Vertrauen kann entstehen und wachsen". Eine spannende Erfahrung dabei war für sie, dass auch die deutschen Teilnehmer feststellten: "Wir haben uns lange nicht mehr die Frage gestellt, was bedeutet Demokratie für uns." Deshalb wolle man nun im Freundeskreis das Thema mal wieder aufgreifen.

"Wir müssen das gemeinsam neu entdecken und haben die Möglichkeit, gemeinsam neu zu gestalten und nicht nur die Geflüchteten", ist Stecklum überzeugt. "Man muss erst zuhören und dann annehmen, was gesagt wird", sagt auch Alsahhar, für den es bedeutsam war zu erleben, dass man gehört werde, "man hat eine Stimme" – für ihn ein ganz entscheidender Teil der Demokratie. Die unterschiedlichen Meinungen könne man keineswegs an Nationalitäten festmachen, betont Stecklum. Wie wird das etwa gesehen, wenn sich zwei Männer küssen? "Dazu gab es sehr unterschiedliche Meinungen, doch mischten sich Deutsche und andere Nationalitäten mit gleicher Meinung." Am Ende des Planspiels gab es eine Abstimmung, mit der Stecklum nicht wirklich zufrieden war. "Das ging zu schnell und ist nicht die schönste Form." Besser wäre, "wir nehmen aus allen Ideen die besten raus und machen etwas draus". So wurde im letzten Schritt nochmal hingeschaut, was jeder Einzelne zur Demokratie beitragen könnte. Es war das erste Seminar dieser Art, doch soll es nicht das letzte bleiben. Eventuell könne man ein solches auch in den Kommunen anbieten, so Stecklum: "Der Austausch ist so wertvoll und bringt Liebe und Verständnis mit sich. Wir waren am Ende des Seminars alle offen und sehr bewegt, und gehen mit gutem Gefühl nach Hause".