Wilde Nachbarn

Stadtfüchse haben ein großes Fressangebot, werden aber fauler

Karen Schröder

Von Karen Schröder

Sa, 16. Oktober 2021 um 10:58 Uhr

Bildung & Wissen

Füchse leben seit den 1950er Jahren in der Stadt. Untersuchungen haben ergeben, dass Stadtfüchse sich nicht nur im Verhalten, sondern auch in der Anatomie Unterschiede zu Landfüchsen aufweisen.

Ein paar tausend Rotfüchse leben in Berlin und das nicht schlecht. Ihr Tisch ist reich gedeckt. Die Artgenossen in Brandenburg müssen sich da schon mehr anstrengen, und sie werden stärker bejagt. Die einen werden im Durchschnitt nur anderthalb Jahre alt, die anderen stolze neun Jahre. Die einen fressen durcheinander, was ihnen reichhaltig vor die Schnauze kommt, die anderen müssen sich um Nahrung schon mehr bemühen. Es geht um Stadtfüchse und Landfüchse.

Im Raum Berlin-Brandenburg sind das einigermaßen verschiedene Spezies. Dazu wurden DNA-Proben von 600 Füchsen in Berlin und Brandenburg untersucht. "Wie sich herausgestellt hat, sind das genetisch zwei unterschiedliche Populationen", so Sophia Kimmig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Sie promoviert zu dem Thema. Ob die genetischen Unterschiede der Stadt- und Landfüchse womöglich auch durch die Teilung Berlins bis 1989 mit bedingt sind, das wissen die Forscher nicht so genau, halten es aber für möglich. Andererseits sind Stadt und Umland seit 30 Jahren wiedervereint. Die Tiere indes haben ihre Gewohnheiten beibehalten und bewegen sich nur selten über die jeweilige Landesgrenze hinaus.

Wie kommt es, dass die Stadt- und Landfüchse so wenig Austausch untereinander haben?

Untersucht wurde in dem Zusammenhang auch, welche anderen Landschaftsbarrieren wie dichte Bebauung, Parks und Gewässer zu der genetischen Verteilung führten. Dass die Stadtfüchse Inselbewohner geblieben sind, hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass die Landfüchse Angst vor den Herausforderungen des urbanen Lebens haben. Die Stadtfüchse ihrerseits schätzen ihren lukrativen Lebensraum. Schon in den 1950er Jahren wurden erste Rotfüchse im Stadtgebiet beobachtet, aber erst seit den 1990er Jahre verteilen sie sich über die gesamte Stadt. Wie viele Füchse in Berlin leben, da sind sich die Fachleute nicht sicher.

(2018)



Die Angaben reichen von 1700 bis zu 5000 Tieren. Eine ähnlich hohe Fuchsdichte wie in der deutschen Hauptstadt ist für Zürich zu vermelden. Hier werden bis zu 1200 Füchse vermutet. Auch hier gibt es Stadtfüchse, die ihr ganzes Leben lang den Wald nicht gesehen haben. Wie bei den Berliner Füchsen haben genetische Untersuchungen im Rahmen des integrierten Fuchsprojektes auch in der Stadt Zürich gezeigt, dass es sich um eine eigenständige Population handelt, die von einigen wenigen Füchsen begründet wurde und die sich nicht mit den Landfüchsen vermischt hat.

Was das Verhalten betrifft, so hat man hier herausgefunden, dass Füchse, die nah am Menschen leben, vermehrt tagaktiv sind. Die Tiere haben sich also unserem Lebensrhythmus in einem gewissen Maße angepasst. Das setzt allerdings einen entsprechenden Rückzugsraum innerhalb der Stadt voraus.

Sie kommen vor allem nachts in die Stadt, um Futter zu suchen

In Basel nämlich ist die Situation eine etwas andere. Die Stadtfüchse bilden dort insofern eine Ausnahme, als Basel relativ dicht bebaut ist und die Stadt Füchsen wenig Lebensraum bietet. Die Basler Füchse haben ihre Baue in den Schrebergartenkolonien und Wäldern am Stadtrand. Sie kommen vor allem nachts in die Stadt, um Futter zu suchen.

Doch nicht nur genetisch haben sich Stadtfüchse von ihren ländlichen Artgenossen abgesondert, sondern sogar anatomisch kann es Unterschiede geben. So konnte 2020 ein Forscherteam um Kevin Parsons von der Universität Glasgow zeigen, dass sich bei Londoner Stadtfüchsen über die Zeit andere Schädelformen herausgebildet haben. Stadtfüchse haben kürzere Schnauzen als Landfüchse sowie eine kleinere Schädelhöhle für das Gehirn, was auf eine reduzierte Gehirngröße verweist. Außerdem sind bei den Stadtfüchsen die Schädel von weiblichen und männlichen Tieren ähnlicher als bei ihren ländlichen Artgenossen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie waren überrascht, wie schnell die Evolution sein kann, leben doch erst seit gut 100 Jahren in London Füchse. Doch die Autoren der Studie schreiben auch: "Menschliche Aktivitäten führen oft zu schnellen und extremen Umweltschwankungen."

"Die rasanten Veränderungen bei Rotfüchsen in jüngster Zeit zeigen, dass diese Veränderungen mit fundamentalen Tendenzen bei Füchsen zusammenhängen." Kevin Parsons
Die Unterschiede erklärt man sich mit den verschiedenen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Stadt- und Landfüchse. "Die rasanten Veränderungen bei Rotfüchsen in jüngster Zeit zeigen, dass diese Veränderungen mit fundamentalen Tendenzen bei Füchsen zusammenhängen", erklärt Kevin Parsons von der Universität Glasgow. Doch auch wenn es Unterschiede gibt: Die Londoner Stadtfüchse sind keine neue Spezies. Die Forscher sprechen vielmehr vom sogenannten "Domestication Syndrome". Die wilden Tiere legen einzelne Merkmale ab und gleichen sich in dieser Hinsicht Haustieren an.

Die Stadtfüchse schätzen ihren Lebensraum mittlerweile sehr, bietet er doch ein reichhaltiges Nahrungsangebot: menschliche Essensreste, Hundefutter und Obst aus den Kleingärten. Füchse sind Allesfresser. Kommen dann noch ein paar Mäuse oder Ratten auf den Speisezettel, ist der Fuchs gänzlich zufrieden. "Nahrung ist in der Stadt nicht nur reichhaltiger vorhanden, sondern sie ist auch hochkalorischer. Das Nahrungsspektrum der Stadtfüchse ist auf der anderen Seite nicht so breit. Auf dem Land fressen Füchse beispielsweise in größerem Umfang verschiedene Insektenarten", sagt Sophia Kimmig vom Leibniz-Institut.

Streifgebiete sind in der Regel kleiner

Stadtfüchse gelten deshalb auch als faul im Vergleich zu den Landfüchsen. Ihre Streifgebiete sind in der Regel kleiner. Auch bei der Wohnungsbeschaffung machen es sich die Stadtfüchse leichter als ihre ländlichen Nachbarn. Sie graben weniger Erdbauten, sondern nutzen gern vorhandene Strukturen wie Container oder Gartenschuppen. In den Berliner Forsten hingegen wurden nur wenige Baue gefunden.

In der Regel bekommen Stadtmenschen die Füchse in ihrer Nachbarschaft selten zu Gesicht. Nur gegen Herbst gibt es immer wieder Irritationen. Dann kommen Jungfüchse auf der Suche nach einem eigenen Territorium den Menschen zuweilen sehr nahe. Keinesfalls sollte man die Tiere aber füttern, weil sie sonst ihre natürliche Scheu vor dem Menschen verlieren.

Einige Füchse leben als Einzelgänger, andere in den verschiedensten familiären Gemeinschaften. Anders als Landfüchse, die meist allein oder paarweise auftreten, bilden Stadtfüchse gern größere Gruppen. Um das Verhalten der Füchse besser zu verstehen, wurden für das aktuelle Forschungsvorhaben insgesamt 17 Tiere eingefangen und mit einem Sender ausgestattet. Damit man sie besser auseinanderhalten kann, haben sie Namen bekommen: Rudi, Portus, El Presidente. Letzterer lebt in der Nähe des Amtssitzes des Bundespräsidenten.

"Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren. Manche haben große Reviere, andere sehr kleine."Sophia Kimmig
Sophia Kimmig erzählt: "Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren. Manche haben große Reviere, andere sehr kleine." Es habe sich gezeigt, dass einige Tiere regelrechte Exkursionen aus ihren Gebieten heraus unternommen hätten. Ein Fuchs zum Beispiel sei in einer einzigen Nacht 15 Kilometer in einen anderen Stadtteil und wieder zurückgelaufen. Für ihre Ausflüge nutzen Füchse nicht, wie man meinen könnte, grüne Korridore, etwa Parks oder Gärten. Lieber sind sie auf den großen Verkehrsstraßen unterwegs, entlang der S-Bahnlinien oder der Stadtautobahn. Hier begegnen sie den Menschen nicht direkt, setzen sich aber dem Risiko aus, überfahren zu werden. Landfüchsen käme ein solch todesmutiges Verhalten nicht in den Sinn. Auch ein Grund, warum sie sich nicht in die Stadt wagen und ihrem angestammten Lebensraum treu bleiben.
Lesetipp:

Kürzlich ist im Piper-Verlag ein neues Buch von Sophia Kimmig erschienen: Von Füchsen und Menschen. Auf den Spuren unserer schlauen Nachbarn – als Wildbiologin unterwegs in der Großstadt.

Füchse

Nach einer Tragzeit von etwas über 50 Tagen gebiert die Fähe im Frühjahr durchschnittlich vier bis sechs Junge. Sie werden einen guten Monat lang gesäugt und verlassen dann erstmals den Bau. Im Alter von drei bis vier Monaten sind die Jungfüchse schon selbständig. Geht es auf den Herbst zu, verlässt ein Teil der Jungtiere das elterliche Revier auf der Suche nach einem eigenen Territorium. Teilweise werden sie von den Eltern regelrecht vertrieben. Eine kritische Phase, weil Stadtfüchse dann den Menschen recht nahe kommen können.