Ständig Ärger mit dem ersten Schuss

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 15. März 2021

Biathlon

Zuverlässig ist nur die Inkonstanz: Janina Hettich, Benedikt Doll und Roman Rees ringen im Biathlon-Weltcup mit der Treffsicherheit.

. Immer wieder der erste Schuss, der vorbeigeht. Auch beim fünften und letzten Schuss einer Biathlonserie wird häufig daneben geballert, weil "nicht richtig nachgehalten wird", wie es die Trainer fordern – der Athlet will zu schnell zurück auf die Strecke. Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber dennoch: Versemmelt man den letzten Schuss, kann man die Enttäuschung auf der Strecke aktiv bekämpfen, verfehlt jedoch der erste Schuss das Ziel, kann der schlechte Auftakt die Schießserie und das gesamte Rennen belasten .

Nach Rang 15 im zweiten Weltcup-Sprint von Nove Mesto (Tschechien) hat Benedikt Doll (SV Breitnau) von der Hektik gesprochen, die er oft von der Strecke mit an den Schießstand nimmt und nicht sofort "abschütteln" kann. Nachdem er beim Liegendschießen die Null bringt, gehen ihm im stehenden Anschlag zwei Schüsse weg, der erste und der vierte Schuss. "Beim Stehendschießen habe ich lange gebraucht, bis ich mich eingerichtet hatte. Ich habe da viel Hektik von der Strecke mit an den Schießstand genommen." Da dieser Sprint über zehn Kilometer am Schießstand entschieden wird, ist für den Schwarzwälder an diesem Tag nach zwei Fehlern und zwei zusätzlichen Strafrunden kein Top-Ten-Ergebnis mehr möglich. Trotz viertbester Laufzeit im Feld der 103 Klassierten. "Es war ein wildes Rennen, es war sauschnell. Läuferisch habe ich mich sehr gut gefühlt", sagt der 30-Jährige nach Rang 15.

Im Verfolgungsrennen einen Tag später, in das Benedikt Doll mit einem Zeitrückstand von 49 Sekunden geht, wird erneut deutlich, wie schwierig es ist, nach dem schnellen Skaten und hohen Puls auf der Strecke am Schießstand plötzlich in den Ruhemodus umzuschalten. Der Schwarzwälder schätzt die Windbedingungen gegenüber dem Anschießen anders ein und dreht am Diopter – mit zittriger Hand. Der erste Schuss geht vorbei, ebenso der vierte. Doll fällt zurück. Das zweite Liegendschießen meistert er tadellos. Stehend wird in dem 12,5-Kilometer-Wettkampf ebenfalls zweimal geschossen. In beiden Fünferserien trifft er die erste Scheibe nicht, immer wieder Ärger mit dem ersten Schuss. Nach vier Fehlern beim letzten Schießen muss Doll 600 Extrameter in der Strafrunde (150 Meter) drehen und erreicht als 24. das Ziel.

Roman Rees vom SV Schauinsland ist ein guter Schütze. Eigentlich. Nach einem Schießfehler im Sprint und Rang 27 geht er mit 1:17 Minuten Rückstand in das Verfolgungsrennen. Die beiden Liegendschießen absolviert er ohne Fehl und Tadel. Auf der dritten Runde läuft er in einer Gruppe, in der auch die guten Skater Benedikt Doll und Arnd Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld) sind. Beim folgenden Stehendschießen verfehlt Rees drei Scheiben, völlig untypisch für den Biathleten aus Hofsgrund. Anderntags nach dem Single-Mixedstaffel-Rennen, in dem er sieben Nachlader braucht, um die 20 Scheiben abzuräumen, liefert er die Erklärung für seine mangelnde Treffsicherheit. "Ich hatte auf der Strecke arg zu kämpfen. Ich komme dann angeknockt an den Schießstand und kann es beim Schießen nicht umsetzen, wie ich das gern hätte." Im Jagdrennen belegt der 27-Jährige den 31. Platz, das Single-Mixed-Rennen zusammen mit Janina Hettich (SC Schönwald) beendet er auf Rang elf. "Unser Ziel war eigentlich Top sechs. Aufgrund der Vorleistungen war aber klar, dass das schwierig werden würde", sagt Rees.

In der Single-Mixedstaffel laufen Athlet und Athletin zweimal und schießen insgesamt viermal, die Skatingstrecke zwischen den Schießeinlagen ist mit 1,5 Kilometern kurz, das Tempo hoch. Janina Hettich braucht fünf Nachladepatronen, um bei 20 Schuss die Strafrunde (75 Meter) zu vermeiden. Vor allem mit den drei Nachladern stehend hadert sie: "Das erste Stehendschießen war ein bisschen verhext."

Das Mixedstaffel-Rennen steht für das Auf und Ab

Die 24-Jährige hat über weite Strecken der Weltcupsaison hervorragend geschossen. Zuletzt hat die Stabilität und Sicherheit am Schießstand jedoch etwas gelitten. "Beim Liegendschießen fühle ich mich nicht mehr so sicher, ich gehe hier nicht mit der gleichen Entschlossenheit an den Schießstand. Es fällt mir in Nove Mesto zudem schwer, den Wind richtig einzuschätzen. Deshalb unterlaufen mir Fehler", sagt die 24-Jährige, die sich nach drei Schießfehlern im Sprint als 57. gerade noch für den Verfolger der besten 60 qualifiziert. Nach Bauchkrämpfen in der Woche zuvor bei den Weltcuprennen in Nove Mesto – das Verfolgungsrennen gab sie aufgrund starker Beschwerden auf – sagt sie nach 70-prozentiger Trefferquote im zweiten Weltcupsprint in Tschechien: "Ich ärgere mich zwar über das Schießen, dass es mir gesundheitlich im Rennen wieder gut ging, hilft mir jedoch über die Enttäuschung hinweg."

Im Verfolgungsrennen verkehrte Welt: Im Liegendschießen, bisher ihre Schokoladen-Disziplin, schießt Hettich dreimal vorbei. Stehend, in dieser Saison bisher ihr schwächerer Anschlag, räumt sie hingegen alle zehn Scheiben ab und verbessert sich auf Rang 40. "Beim Stehendschießen konnte ich mein Ergebnis noch ganz gut mit den zwei Nullern retten."

Das Mixed-Staffelrennen von Nove Mesto – Benedikt Doll ist Schlussläufer des deutschen Quartetts – steht noch einmal exemplarisch für das ständige Auf und Ab in dieser Saison. Die deutsche Startläuferin Vanessa Hinz (SC Schliersee) kann mit sechs Nachladern nur mit Mühe die Strafrunde verhindern. Sie übergibt als 21. und mit 1:57 Minuten Rückstand auf die Spitze an Denise Herrmann (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal), ein gutes Ergebnis ist damit bereits hinfällig. Herrmann muss in die Strafrunde, der Rückstand auf die weit vorneweg stürmenden Norweger beträgt 3:27 Minuten. Arnd Peiffer und Benedikt Doll zeigen solide Einzelleistungen und betreiben Schadensbegrenzung: Rang neun. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich in einer deutschen Staffel irgendwann einmal darum kämpfen muss, nicht überrundet zu werden", sagt Benedikt Doll.