Beschlussentwurf

Ständige Impfkomission rät Astrazeneca-Geimpften zu anderem Wirkstoff für zweite Dosis

dpa

Von dpa

Fr, 02. April 2021 um 12:54 Uhr

Deutschland

Was machen unter 60-Jährige, die bereits einmal mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft worden sind und nun auf ihre Zweitimpfung warten? Möglichst einen anderen Impfstoff nehmen, empfiehlt die Ständige Impfkommission.

Mit einer ersten Astrazeneca-Dosis geimpfte Menschen unter 60 Jahren sollen nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für die zweite Impfung auf ein anderes Präparat umsteigen. Das steht in einem am Donnerstag veröffentlichten Beschlussentwurf der Stiko.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will am kommenden Mittwoch mit den Gesundheitsministern der Länder über die Empfehlung sprechen. Das kündigte der CDU-Politiker am Karfreitag per Twitter an. "Die ergänzte Empfehlung der Stiko zu Zweitimpfungen schafft Klarheit für die etwa 2,2 Mio Bürgerinnen und Bürger unter 60 Jahren, die in den letzten Wochen eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben", so Spahn. "Sie können nach 12 Wochen ihre Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech oder Moderna) erhalten. Oder nach individueller Aufklärung im ärztlichen Ermessen Astrazeneca."


Diese Zweitimpfungen stehen laut Spahn frühestens ab Mitte April an, da Astrazeneca erst seit Anfang Februar in Deutschland verimpft werde. "Am Mittwoch werde ich mit den Gesundheitsministern und -ministerinnen der Länder über das genaue Vorgehen sprechen", schrieb Spahn weiter.

Wörtlich heißt es mit Blick auf die betroffene Gruppein der Stiko-Empfehlung: "Für diese Personen wird empfohlen, anstelle der zweiten Astrazeneca-Impfdosis eine Dosis eines mRNA-Impfstoffs 12 Wochen nach der Erstimpfung zu verabreichen. Hintergrund hierfür ist, dass der von einer einmaligen Astrazeneca-Impfung ausgelöste Schutz nach 12 Wochen abzunehmen beginnt." In Deutschland sind momentan die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen.


Die Empfehlung dürfte zahlreiche Menschen in Deutschland betreffen. Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts haben mit Stand Donnerstag 2,85 Millionen Personen eine Erstimpfung mit dem Astrazeneca-Präparat erhalten, ein zweites Mal geimpft wurden lediglich knapp 2000 Menschen. Allerdings sind hier auch die über 60 Jahre alten Geimpften eingerechnet - für sie gilt die Empfehlung für eine Zweitimpfung mit einem anderen Vakzin nicht.

Mertens: Thrombose-Risiko bei Zweit-Impfung mit AstraZeneca noch unklar

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte dem "Spiegel" in einem am Donnerstagabend veröffentlichten Interview, über das Risiko bei zweimaliger Impfung mit dem Astrazeneca-Mittel könne man derzeit nur spekulieren - da bislang nur sehr wenige Menschen bereits beide Spritzen erhalten hätten. "Der naheliegende Ausweg ist aus meiner Sicht, es gar nicht zu probieren, sondern zur Sicherheit eben als Alternative einen RNA-Impfstoff zu geben."

Bei mRNA-Impfstoffen handelt es sich um eine völlig neue Art von Vakzinen, die im Zuge der Corona-Pandemie erstmals für die Anwendung bei Menschen zugelassen wurden. Die sogenannte Boten-RNA (engl: messenger ribonucleic acid, mRNA) in Impfstoffen liefert einen Teil der Erbinformation des Virus in die menschlichen Zellen, um eine Abwehrreaktion des Körpers hervorzurufen und ihn so gegen eine spätere Infektion zu wappnen.
Freiburger Virologe zu Corona-Impfstoff: "Es ist nicht nur irgendeine Thrombose" (März 2021)

Mit Blick auf eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff sagte Mertens: "Tierexperimentelle Daten zeigen, dass die Immunreaktion nach heterologer (zweiter) Impfung gleich ausfällt. Man muss noch wissenschaftlich klären, wie gut der Schutz dann beim Menschen ist. Ich hoffe, dass dazu bald Daten vorliegen."

"Rein immunologisch ist das unproblematisch, denn sie beruhen letztlich auf dem gleichen Impfantigen." Christian Bogdan
Tatsächlich gibt es schon länger Überlegungen, für einen besseren Schutz etwa gegen neue Virusvarianten verschiedene Impfstoffe zu kombinieren. Also zum Beispiel auf eine erste Dosis Astrazeneca eine zweite von Biontech/Pfizer zu spritzen. "Rein immunologisch ist das unproblematisch, denn sie beruhen letztlich auf dem gleichen Impfantigen", hatte der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan als Mitglied der Stiko kürzlich gesagt. Die Wirksamkeit von Kombinationen werde derzeit in Studien untersucht. Britische Forscher zum Beispiel testen seit Anfang Februar in einer klinischen Studie die Impfstoff-Wirksamkeit bei der Kombination von Biontech und Astrazeneca in unterschiedlicher Abfolge als erste und zweite Dosis.

Bund und Länder waren am Dienstag einer Empfehlung der Stiko gefolgt, das Astrazeneca-Mittel in der Regel nur noch Menschen über 60 verabreichen zu lassen. Grund dafür waren 31 gemeldete Verdachtsfälle einer Hirnvenenthrombose. Davon verliefen neun Fälle tödlich. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko nur junge Menschen betrifft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einem Medienbericht zufolge bereits am Freitag vergangener Woche vom erneuten Anpassungsbedarf beim Impfstoff von Astrazeneca erfahren - vier Tage vor der bundesweiten Entscheidung, das Präparat nur noch Menschen über 60 Jahren zu spritzen. "Angesichts der nationalen Tragweite der Entscheidung bat die Bundeskanzlerin darum, auch die Expertise des Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hinzuzuziehen", sagte eine Regierungssprecherin dem Online-Portal ZDFheute.
Fragen und Antworten zu Astrazeneca: Die meisten Impftermine bleiben bestehen

Dem Bericht zufolge informierte der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, vergangene Woche sowohl Merkel als auch Kanzleramtsminister Helge Braun (ebenfalls CDU), dass der Impfstoff für bestimmte Altersgruppen aller Wahrscheinlichkeit nach erneut gestoppt werden müsse.