Anna Petrig, erste Richterin am UN-Seegerichtshof

GESICHT DER WOCHE: Weltmeere vor Gericht

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 21. Juli 2019

Südwest

Anna Petrig hat gleich mehrfach Geschichte geschrieben, wie die Universität Basel am Mittwoch mitteilte. Die in Freiburg lebende Professorin für Völkerrecht wurde als erste Frau als Ad-hoc-Richterin an den Internationalen Seegerichtshof berufen und verhandelte dort erstmals den Fall eines Binnenlandes: der Schweiz. Ein unter deren Flagge fahrender Frachter wird seit 17 Monaten vor der Küste Nigerias festgehalten, weil der Transport nigerianisches Recht verletze. Dagegen hat sich die Schweiz gewehrt und nun Recht bekommen. Was nach einem Sonderfall klingt, erlangt große politische Aufmerksamkeit, da Iran in der Straße von Hormus zwei britische Schiffe festhält. In der für die europäische Energieversorgung zentralen Meerenge gilt das Recht auf "friedliche Durchfahrt" – ein schwieriger Begriff, wie Petrig erklärt. "Sind die Rechtsbegriffe schwammig oder unklar, gibt es immer Konfliktpotenzial und größere politische Spielräume." Die 41-Jährige ist international als Expertin für Seerecht gefragt. Jura studierte sie im schweizerischen Fribourg, in Paris und an der Harvard Law School. Sie arbeitete beim Internationalen Roten Kreuz und kam 2009 nach Freiburg ans Max-Planck-Institut für internationale Politik und beschäftigte sich intensiv mit See-Piraterie, auch als Organisatorin internationaler Konferenzen. Ihre Dissertation zum Thema gewann in Basel einen Preis. Mit dem Fall, den sie gerade in Hamburg verhandelte, betrat sie ein Rechtsgebiet, von dem sie sagt, dass es künftig massiv an Bedeutung gewinnen wird: "Gerade bei der stark zunehmenden Offshore-Nutzung der See sind viele Rechtsfragen noch offen, und Urteile internationaler Gerichte leisten einen bedeutenden Beitrag zu deren Klärung." Dabei geht es häufig um die Frage, wie viel der anliegende Staat in der Wirtschaftszone vor seiner Küste zu bestimmen hat. Bei Offshore-Windparks oder der Suche nach Gas nehmen Fragen und Konflikte zu. Ein anderes Thema, das sie sehr beschäftigt, ist die Seenotrettung von Flüchtlingen. Der Fall Rackete auf Sizilien zeige aber, wie sehr Gesetze an Grenzen stoßen, die vor allem auf Unfallszenarien basieren, da sie als Reaktion auf die Titanic-Katastrophe entwickelt wurden. Für Migrationsfragen taugen sie nur bedingt. "Diese Konflikte können letztlich nur auf politischer Ebene gelöst werden", sagt Petrig. "Es braucht eine Verständigung auf politischer Ebene, wie ein fairer Lastenausgleich auf europäischer Ebene in Sachen Migration aussehen kann." René Zipperlen