"Ich bin wertkonservativ. Das spüren die Menschen"

Florian Reil und Stephen Wolf

Von Florian Reil und Stephen Wolf (dpa)

Sa, 22. Juni 2019

Südwest

Es gibt immer mehr Polizisten mit ausländischen Wurzeln – nicht alle haben die deutsche Staatsbürgerschaft / Sie selbst fühlen sich gut integriert.

MANNHEIM/MÜNCHEN. Temposünder stoppen, Drogenkuriere finden, Unfälle aufnehmen – Alltag für Polizeiobermeister Cagri Agbaba. Die türkischen Wurzeln des 26 Jahre alten Beamten spielen dabei selten eine Rolle, wie der hünenhafte Mann sagt. "Nur einmal hat es ein älterer Herr abgelehnt, mit mir zu reden. Weil ich Ausländer sei", erzählt der Ordnungshüter.

Auch Josef Fuksa arbeitet bei der Autobahnpolizei – allerdings in München. Der 25 Jahre alte Mann ist erst seit wenigen Jahren Deutscher. Angefangen hatte er den Dienst bei der bayerischen Polizei als Tscheche. Wie in Baden-Württemberg, so können seit 1993 auch in Bayern Bürger mit ausländischer Staatsangehörigkeit als Polizisten arbeiten.

Für Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sind die Polizeibeamten ohne deutsche Staatsangehörigkeit "ein gutes Beispiel dafür, wie Integration wirklich gelebt wird". Sein Stuttgarter Amtskollege Thomas Strobl (CDU) lobt, Beamte mit ausländischen Wurzeln seien wertvoll für die Polizeiarbeit. "Sie haben spezifische Kenntnisse über die Mentalität und die Kultur anderer Länder, und ihre Fremdsprachenkenntnisse sind ein wichtiger Pluspunkt."

Auch Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, erkennt viele positive Aspekte. "Wenn wir Menschen mit ausländischem Hintergrund für die Polizei interessieren können, und sie sich mit ganzem Herzen ihrer Aufgabe widmen wollen, ist das eine Kompetenzerweiterung, die der Polizei auf jeden Fall hilft." Er sehe da einen "klaren Vorteil".

Die AfD im bayerischen Landtag widerspricht: "Prinzipiell sollten hoheitliche Aufgaben des Staates nur von Staatsbürgern ausgeübt werden", sagt ihr innenpolitischer Sprecher Richard Graupner, der vor seiner Zeit als Abgeordneter selbst bei der Autobahnpolizei gearbeitet hat. Er sehe in der Arbeit von Ausländern bei der Polizei keine Vorteile.

In der Vergangenheit ließen sich einige Polizisten einbürgern, die ohne deutschen Pass eingestellt worden waren. In Baden-Württemberg arbeiten 330 Männer und Frauen ohne deutschen Pass bei der Landespolizei. Die größte Gruppe mit 134 Beamten bilden die Türken. Auch Männer und Frauen aus EU-Ländern wie Italien, Griechenland, Kroatien oder Spanien. Zudem stammen drei Beamte aus Russland und einer aus dem Iran. In Nordrhein-Westfalen hat mehr als jeder achte angehende Polizeibeamte ausländische Wurzeln.

Dass die Polizisten mit ausländischen Wurzeln eigene Erfahrungen mitbringen, das zeigen die Beispiele von Josef Fuksa und Cagri Agbaba. Polizist in Tschechien zu werden, kam etwa für Fuksa nicht infrage, "weil ich weder in Grenznähe wohne noch eine persönliche Bindung nach Tschechien habe – mit Ausnahme der Familie." In Mannheim sieht sich Cagri Agbaba ebenfalls nicht als Außenseiter bei der Polizei. Klar, türkische Fernfahrer freuten sich, dass ein Einwandererkind als Beamter seinen Platz in der deutschen Gesellschaft gefunden habe und zugleich ihre Sprache beherrsche. Mitunter erwarten manche deshalb, er möge ein Auge zudrücken und die Tempoüberschreitung oder das waghalsige Überholmanöver doch vergessen. Agbaba verdreht die Augen und schmunzelt. "Da ist nichts zu machen. Ich mache meine Arbeit aus voller Überzeugung", sagt der in Worms aufgewachsene Alevit.

"Mit Kollegen habe ich noch nie Probleme gehabt", sagt der mittlerweile eingebürgerte Beamte. Ihm sei klar, dass manche misstrauisch auf Beamte mit ausländischen Wurzeln blickten. Schwarze Schafe gebe es überall, sagt der Mannheimer Autobahnpolizist. Er selbst begegne keinen Ressentiments. "Ich bin wertkonservativ. Das spüren die Menschen."