Uniklinik Freiburg fordert politische Lösung

Immer mehr Kliniken kämpfen mit dem Mangel an Pflegekräften

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Mo, 13. Januar 2020 um 10:29 Uhr

Südwest

Der Sonntag Fast alle Krankenhäuser beklagen Mangel an Pflegekräften. Die Uniklinik Freiburg ist das Problem zwar rechtzeitig angegangen – doch das marktgesteuerte Kliniksterben ging 2019 bundesweit weiter.

Die Gerüchte um die Schließung der Helios-Klinik in Breisach vor einem Jahr haben die Klinik so sehr unter Druck gesetzt, dass sie zusammen mit Breisachs Bürgermeister Oliver Rein zu Pressekonferenz lud und klar machte: Eine Schließung ist kein Thema. Anlass für die Spekulationen war die personalbedingte Schließung des Nachtbetriebs in der Notfallambulanz, der bis heute nicht zur Gänze rückgängig gemacht werden konnte.

In Breisach soll der "personelle Minimalschlüssel" mittlerweile erfüllt sein

Durch eine Werbekampagne ist es der Klinik in Breisach, die zum Berliner Helios-Konzern mit über 80 Kliniken gehört, inzwischen aber gelungen, neue Pflegekräfte zu gewinnen, so dass der "personelle Minimalschlüssel" erfüllt sei, wie die Klinik auf Anfrage mitteilt. Man sei "kurz davor, die Notfallambulanz in absehbarer Zeit nachts wieder durchgängig" zu öffnen.

"Wir brauchen auch bei uns eine politische Debatte, in welchem Krankenhaus welche Leistung erbracht werden soll" Helmut Schiffer, Pflegedirektor der Uniklinik Freiburg
Bundesweit hat sich das Klinikensterben 2019 fortgesetzt. Rund 70 Kliniken mussten auch wegen des Fachkräftemangels schließen, sagt Helmut Schiffer, Pflegedirektor der Uniklinik Freiburg. Die Personalsituation bei Pflege- und Fachkräften im nichtärztlichen Sektor wird sich durch die alternde Bevölkerung weiter verschärfen: Einer wachsenden Zahl chronisch kranker Menschen stehen immer weniger Nachwuchskräfte in der Pflege gegenüber. Besser wäre es, die Politik würde sich um alternative Lösungen kümmern, sagt Schiffer und verweist auf Dänemark, wo derzeit in einem Konzentrationsprozess 18 sogenannte Superkrankenhäuser entstehen, die kleinere Kliniken ersetzen sollen.

"Wir brauchen auch bei uns eine politische Debatte, in welchem Krankenhaus welche Leistung erbracht werden soll", so Schiffer. Ansonsten setze sich das marktgesteuerte Kliniksterben insbesondere auf dem Land fort.

"Früher hieß es bei Personalmangel: Das schaffen die schon" Reiner Geis, Verdi-Geschäftsführer Südbaden
Das vor fünf Jahren in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz hat allerdings maßgeblich dazu beigetragen, Pflegeberufe attraktiver zu machen. "Wir hatten an den Unikliniken im Land 2019 Tarifsteigerungen zwischen drei und zehn Prozent", sagt Südbadens Verdi-Geschäftsführer Reiner Geis. Die Pflegezulage sieht vor, dass die Lohnsteigerungen von den Krankenkassen übernommen werden. Auch andere Regelungen wie das Streichen der schlechter bezahlten Eingangsstufe für ausgebildete Anfänger hat den Beruf aufgewertet. Neu ist zudem die Personaluntergrenze, die eine Mindestzahl von Pflegekräften pro Station fordert.

Wird die Grenze unterschritten, gibt es Sanktionen. "Früher hieß es bei Personalmangel: Das schaffen die schon", erinnert sich Geis. Verdi und die Arbeitgeber der Krankenhausgesellschaft bemühen sich jetzt, die Untergrenze auf alle Pflegebereiche auszudehnen. Bislang gilt sie nur auf Intensivstationen, in der Unfallchirurgie und in der Neurologie.

Freizeit ist vielen wichtiger als ein steigender Lohn

Doch alle Maßnahmen konnten das generelle Personaldefizit nicht beheben. So hätten weiterhin drei von vier Allgemeinkrankenhäuser Probleme, ihre Stellen zu besetzen, sagt Schiffer. In Kliniken mit über 600 Betten seien sogar 95 Prozent – also fast alle – betroffen. Die Uniklinik Freiburg hat 2013 umgesteuert. Der damals noch verantwortliche Uniklinikdirektor Reinhold Keil wollte eigentlich auf Kosten des Pflegepersonals Geld für Investitionen einsparen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Seitdem seien jedes Jahr – mit Ausnahme von 2017 – mehr Pflegekräfte eingestellt worden als ausgeschieden seien, sagt Schiffer. 2019 kamen 90 Stellen hinzu.

Und ab 2015 wurde die Zahl der Ausbildungsstellen – die alle besetzt werden konnten – von 308 auf 462 erhöht. "Wer in der Pflege früher drastisch gespart hat, hat es heute umso schwerer, dieses Defizit abzubauen, weil der Markt enger geworden ist. Andere, die es früher erkannten, haben heute Vorteile. Dazu gehört die Uniklinik", sagt Schiffer.

Inzwischen wirbt die Uniklinik auch Fachkräfte von den Philippinen, aus Brasilien, Kolumbien und Tunesien an. Seit Kurzem sucht sie zudem im Verbund mit dem Universitätsherzzentrum und den RKK-Kliniken Auszubildende in Vietnam. Allerdings kommt es auch in Freiburg vor, dass ein Pflegeteam noch die anschließende Schicht übernehmen muss. Das sei aber eine seltene Ausnahme, betont Schiffer.

100 000 ausgebildete Pflegekräfte arbeiten in Deutschland nicht mehr in ihrem Beruf

"Der Pflegenotstand hat sich durch diese Maßnahmen zumindest nicht verschärft", meint Gewerkschafter Reiner Geis und weist auf ein Arbeitskräftereserve von 100 000 ausgebildeten Pflegekräften in Deutschland hin, die nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten.

Die Gründe, warum diese Fachkräfte ihrem Beruf den Rücken kehrten, sind nach Auskunft der Uniklinik vielfältig und haben nicht immer mit negativen Erfahrungen zu tun. Die Uniklinik hat frühere Pfleger angeschrieben und ihnen auch Teilzeitjobs angeboten. Die Erfolgsquote lag bei einem Prozent. Stattdessen beobachtet die Uniklinik seit einiger Zeit, dass viele Mitarbeiter nach Tariferhöhungen ihre Arbeitszeit reduzieren: Die Menschen ziehen Freizeit höherem Einkommen vor.

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