Baden-Württemberg

Immer mehr Störche bleiben hier – und sind Gefahren wie Plastikmüll ausgesetzt

dpa

Von dpa

Di, 07. Januar 2020 um 20:35 Uhr

Südwest

In Baden-Württemberg gibt es immer mehr Weißstörche – auch weil viele im Winter nicht mehr die gefährliche Reise nach Afrika auf sich nehmen. Doch auch bei uns lauern Gefahren.

Eine leere Saftpackung, das Stück eines Fahrradschlauchs, mehrere Mikrofasertücher und fünf oder sechs Plastikhandschuhe hat sich das Storchenpaar in sein Nest geholt, als vermeintliches Fressen oder als Nistmaterial. Im Karlsruher Klärwerk, in dem sich das Storchennest auf einem rund acht Meter hohen Mast befindet, konnten die Vögel besonders viel sammeln. Nun sind die gefiederten Nestbewohner im Süden und Stefan Eisenbarth räumt bei ihnen auf.

"Das ist alles unheimlich gefährlich für die Störche", sagt der 58-jährige Gärtnermeister, der sich ehrenamtlich um die Weißstörche in der Gegend kümmert. Die Vögel versuchen die weichen Gummiteile zu essen, verstopfen sich damit den Magen und können verhungern, erklärt der Storchenbetreuer. Durch große Plastikteile am Nestboden sammelt sich der Regen im Horst – die Jungstörche erfrieren im schlimmsten Fall. Durch zu viel Müll kann ein Nest auch zu schwer werden und abstürzen, sagt Eisenbarth.

Störche können Plastikmüll nicht erkennen

Die baden-württembergische Storchenbeauftragte Ute Reinhard erklärt: "Ganz schlimm sind die Ballenschnüre, die die Landwirte in der Landschaft herumliegen lassen." Eisenbarth musste selbst einmal einem Jungstorch eine eingewachsene Kunststoffschnur aus dem Bein schneiden. Die Schnur wickele sich um Beine oder Hals der Vögel, manchmal ziehe sie sich bis auf die Knochen zu, sagt Reinhard. Nicht immer könne man dann den Störchen noch helfen.

Die Weißstörche können organische Stoffe nicht von Plastikmüll unterscheiden, erklärt Reinhard. Haushaltsgummibänder sehen für die Störche aus wie Regenwürmer. Kunststoffschnüre halten die Vögel für Grasbüschel. Nicht selten holen sich die Störche auch die Plastikplanen ins Nest, die die Menschen zum Abdecken von Holz verwenden und danach einfach im Wald liegen lassen. Viele seien da sehr nachlässig, sagt die Storchenbeauftragte.

1330 Storchenpaare im Südwesten

Je nach Größe der Teile können sich auch andere Tiere darin verfangen und verletzen, ergänzt Claudia Wild, Sprecherin des Naturschutzbundes Nabu in Baden-Württemberg. Die meisten Weißstörche sterben noch immer durch Stromschläge, erklärt Reinhard. Auch gebe es immer mehr Zusammenstöße mit Fahrzeugen. Jungstörchen werde schnell schlechtes Wetter zum Verhängnis oder fehlende Nahrung. Müll spiele unter den Gefahren eine kleinere Rolle.

Trotz aller Gefahren gibt es in Baden-Württemberg immer mehr Weißstörche – vielleicht sogar mehr als in Brandenburg, das jahrzehntelang storchenreichstes Bundesland war. Nach einer vorläufigen Erhebung machten 2019 etwa 1330 Storchenpaare im Südwesten Station, sagte Reinhard. Die meisten von ihnen bekamen Nachwuchs, gezählt wurden bislang rund 2150 Storchenküken. 2018 brüteten laut Nabu-Erhebung rund 1150 Storchenpaare im Land.

Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr fast 7000 Brutpaare gezählt. Der Bestand im Bund nimmt laut Nabu seit den 90er Jahren zu. Das liege daran, dass viele Störche im Winter nicht mehr die gefährliche Route bis nach Afrika auf sich nehmen. Auch in Eisenbarths Zuständigkeitsgebiet von Karlsruhe bis Iffezheim leben deutlich mehr Störche: Vor zehn Jahren übernahm er mit seinem Ehrenamt fünf oder sechs Storchennester. Mittlerweile sind es 50 Horste.