Rudolf Bosch

Interview mit Schulpräsident: "Was bringt es den Kindern?"

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Mi, 22. März 2017 um 12:38 Uhr

Südwest

Rudolf Bosch war fünf Jahre lang Schulpräsident im Regierungspräsidium Freiburg. Nun geht der Befürworter der Gemeinschaftsschule in den Ruhestand – und zieht im BZ-Interview Bilanz.

Als Rudolf Bosch vor fünf Jahren Schulpräsident im Regierungspräsidium Freiburg wurde, war dies ein politisches Signal: Mit ihm rückte ein Mann der Hauptschule und Befürworter der Gemeinschaftsschule an die Spitze der Schulabteilung, die unter anderem für Gymnasien zuständig ist. Nun ist Bosch nach längerer Krankheit frühzeitig in Pension gegangen. Über seine Erfahrungen im Amt sprach mit ihm Wulf Rüskamp.

BZ: Herr Bosch, als Sie vor fünf Jahren kamen, galten Sie als der Mann für die Gemeinschaftsschule. Dennoch ist der Regierungsbezirk Freiburg, schaut man die Zahlen an, keineswegs Vorreiter in der Gemeinschaftsschule.

Bosch: Als ich im Freiburger Regierungspräsidium angetreten bin, habe ich gesagt: Jeder weiß, für welche Schule mein Herz besonders schlägt, aber als Schulpräsident bin ich für alle Schulen verantwortlich. Doch ich habe mich auch für Gemeinschaftsschulen eingesetzt, aber nicht in dem Sinne: möglichst viele möglichst schnell. In der Tat, wenn man die Zahlen anschaut, dann gibt es in Südbaden zwar proportional weniger Gemeinschaftsschulen, aber die können zu einem hohen Prozentsatz sich durch ihre Qualität auch auf Dauer behaupten.

BZ: Es gab sicher auch Querschüsse?

Bosch: Ja, schon. Der Philologenverband hat sich damals ja sehr eindeutig geäußert. Und die Gymnasien hatten am ehesten Vorbehalte. Ich hatte mir sehr gewünscht, dass in diesen Jahren das eine oder andere Gymnasium und mehr Realschulen sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob sie nicht Gemeinschaftsschule werden wollen. Aber der Gedanke ist in den Gymnasien aus meiner Sicht nie erkennbar angekommen.

BZ: Es gibt die These, das schlechte Abschneiden Baden-Württembergs in den Bildungsvergleichstests habe mit der Unruhe zu tun, die die vielen Reformen in die Schule getragen haben.

Bosch: Das ist Unsinn. Man muss doch grundsätzlicher fragen: Was soll Schule leisten, welchen Rahmen setzen wir dafür? Wir müssen Lernumgebungen schaffen, in denen unsere Kinder unter heutigen Bedingungen erfolgreich lernen können. Es geht um Fragen, die wir seit zehn Jahren diskutieren, ohne richtig weiterzukommen: die Entwicklung neuer Lernkulturen, die aber auch entsprechende Personalressourcen erfordern würden. BZ: Bei Ihnen hört man immer den Pädagogen heraus – aber waren Sie als Schulpräsident nicht auf der anderen Seite?

Bosch: Ich war 40 Jahre Pädagoge in verschiedenen Positionen, und schon als Konrektor oder Schulleiter musste ich Schule verwalten. Und ich bin heute noch Pädagoge. Ich habe die Aufgabe eines Schulpräsidenten übernommen, weil ich für notwendig halte, dass an solchen Stellen Pädagogen sitzen, nicht Verwaltungsfachkräfte oder Juristen – Pädagogen, die aus eigener Erfahrung wissen, was Schüler, was Lehrer brauchen. Wenn ich mein Pädagogendasein hätte abgeben müssen, hätte ich dieses Amt nicht angenommen.

BZ:
Hat man das dennoch von Ihnen verlangt – mehr Verwaltung und weniger Pädagogik?

Bosch: Das System oder die Position bringen das mit sich, dass nicht immer pädagogisch gedacht werden kann, sondern dass es um Gesetze, Erlasse und Vorschriften geht. Ich habe oft gesagt: Was bringt es den Kindern? Wenn diese Frage nicht zufriedenstellend beantwortet wird, können wir es lassen. Damit bin ich natürlich in Kontroversen geraten.

BZ: Wie sehr kann ein Präsident an den Zuständen in den Schulen etwas ändern?

Bosch: Das geht fast nur mittelbar, etwa durch Lehrerfortbildung. Wir haben in Freiburg neue Fortbildungsideen und -module entwickelt, wir haben neue Fortbildungsformate geschaffen. Und schließlich habe ich die Diskussion über die Qualität des Unterrichts immer wieder innerhalb meines Hauses gefördert.

BZ: Und sind damit durchgedrungen?

Bosch: Man darf nicht vergessen: In den vergangenen Jahren haben wir eine Fülle neuer Aufgaben bekommen, zum Teil ohne entsprechendes zusätzliches Personal. Deshalb hat manche neue Initiative ganz schnell geendet. Das hat mich sehr belastet, wie auch viele Restriktionen im Verwaltungssystem. In der Tat habe ich mich mitunter gefragt, ob ich das, was ich da tue, noch mit meinem pädagogischen Gewissen vereinbaren kann. Und manchmal ist der Pädagoge eben auf der Strecke geblieben.

"Was ich vorhatte,

schafft man nicht in

zwei, drei Jahren."

Rudolf Bosch
BZ: Hatten Sie mehr Freiheit erwartet?

Bosch: Vielleicht hatte ich die Hoffnung, die Pädagogik immer mitnehmen oder gar voranstellen zu können. Aber es galt ja von Anfang an als seltsam, dass ich als Hauptschulmann Schulpräsident wurde. Doch das war die Entscheidung der Politik, mit mir einen Mann dort hinzusetzen, der Innovationen in der Schule im Blick hat.

BZ: Haben Sie sich durchsetzen können?

Bosch: An der einen oder anderen Stelle ist mir das gelungen. Aber ich hätte mir gewünscht, die fünf Jahre voll durchstehen zu können und nicht krank zu werden. Was ich vorhatte, schafft man nicht in zwei, drei Jahren.

BZ: Lag das auch an der äußeren Konstellation?

Bosch: Ich habe erfahren müssen, wie eng die Rahmenbedingungen sind allein dadurch, dass wir keine eigene Behörde mehr sind, sondern eingebettet in das Regierungspräsidium. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich eine eigenständige Schulverwaltung als sinnvoller ansehe.

BZ: Weil sich jetzt sachfremde Hierarchien in ihre Arbeit einmischen?

Bosch: Ja, auch. Das Regierungspräsidium ist ja nicht nur für den Schulbetrieb zuständig, sondern neben vielen anderen Bereichen auch für die Stadt- und Landkreise, die wiederum Schulträger sind: Daraus allein entstehen Reibungsflächen.

BZ: Gab es auch Probleme mit Stuttgart, etwa mit dem Kultusministerium?

Bosch: Am Anfang der grün-roten Regierung standen die Regierungspräsidien, aber auch gesondert deren Schulabteilungen zur Disposition. Die damalige Kultusministerin war der Meinung, die Schulabteilungen könne man abschaffen. Der Gedanke kursierte, bis Ministerpräsident Kretschmann die Diskussion beendet hat. Es ist dabei geblieben, dass die Schulabteilungen der Regierungspräsidien mit Misstrauen betrachtet werden. Gleichgültig, wie die Diskussionen um eine zwei- oder dreistufige Schulverwaltung ausgehen, eines steht für mich fest: Wenn bei einer entsprechenden Verwaltungsreform an erster Stelle die Einsparung von Ressourcen steht, rückt eine angestrebte Qualitätsverbesserung in weite Ferne.

Rudolf Bosch (65), der als "Schulrebell" bekannt wurde, war Rektor an der Kuppelnauschule in Ravensburg und wechselte 2011 ins Kultusministerium. Im Jahr darauf wurde er in Freiburg Schulpräsident. Seine Verabschiedung findet am Donnerstag statt.