Tübingen

Neues Zentrum sucht Alternativen zu Tierversuchen

Birgit Vey

Von Birgit Vey (epd)

Di, 10. März 2020 um 10:56 Uhr

Südwest

Versuchstieren Leid ersparen und dabei bessere Therapien anbieten - das soll ein neues Zentrum der Uni Tübingen schaffen. Die Experten setzen auf Zellkulturen und die Hilfe künstlicher Mini-Organe.

In Tübingen entsteht zurzeit ein Zentrum, in dem Alternativen zu Tierversuchen erprobt und entwickelt werden. Das Hauptanliegen des 3R-Zentrums ist es, Testverfahren zu finden, mit denen man besser am Menschen forschen kann. 3R steht für Replace, Reduce, Refine - zu Deutsch: Ersetzen, Reduzieren, Weiterentwickeln.

Das bezieht sich hauptsächlich auf Tierversuche. Denn es geht darum, die Anzahl der Versuchstiere zu verringern: Rund 2,7 Millionen Tiere wurden laut dem Leibniz-Institut für Primatenforschung 2018 in Deutschland für Versuchszwecke verwendet. Zu dem neuen Zentrum kommt eine Professorenstelle. Beide Vorhaben unterstützt das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für fünf Jahre mit 650.000 Euro.

Mit mehr als 50 Prozent werden die meisten Tiere in der Grundlagenforschung verwendet. Weitere Versuchstiere kommen bei Medikamententests zum Einsatz Mit den Alternativen zu Tierversuchen gibt es andere Wege, um die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines neuen Stoffes zu überprüfen. Gründe, warum auch die Pharmaindustrie Interesse an diesen Alternativen hat.

"Wir möchten schnell loslegen", erklärt Katja Schenke-Layland, Direktorin am Reutlinger Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) der Universität Tübingen. Die neue Professur soll als Brückenprofessur zwischen NMI und der medizinischen Fakultät der Universität Tübingen angelegt sein. "Aufgrund der engen Zusammenarbeit werden wir die Räume der medizinischen Fakultät der Universität und des NMI nutzen."

Bei den Alternativen zu Tierversuchen ist eine Methode, mit menschlichen Zellkulturen (in vitro) zu arbeiten. Diese Gewebezüchtungen können Vorteile haben, denn bei Tierversuchen ergibt sich das Problem, dass der tierische Organismus nicht mit dem menschlichen identisch ist. Deshalb könne beispielsweise ein getestetes Medikament im Tier unwirksam sein, mit der Folge, dass es "gar nicht zum Menschen kommt", so Schenke-Layland. Oder der umgekehrte Fall tritt ein: Im Tier ist die Substanz wirksam, beim Menschen nicht.

Eingesetzt werden solche Zellkulturen beispielsweise in der Krebsforschung. Christian Schmees, Gruppenleiter für Tumorbiologie am NMI, arbeitet dabei mit frischem Gewebe, das nach pathologischen Untersuchungen übriggeblieben ist. In den Proben befindet sich gesundes und krankes Gewebe. Je nach Probe sind dann beispielsweise Brust-, Darm- oder Nierenkrebs-Tumore enthalten. In die Proben werden Enzyme gegeben, so dass die gesunden Zellen weg verdaut werden und nur noch Bereiche übrigbleiben, in den gesunde und kranke Zellen vermischt sind, die sogenannten Mikrotumore. Diese Mikrotumore bilden die Grundlage.

"Ein großer Vorteil der Forschung an Mikrotumoren ist, dass verschiedene Medikamente, beispielsweise Chemo- und Immuntherapeutika oder auch therapeutische Antikörper, an individuellem Gewebe auf deren Wirksamkeit hin untersucht werden können", so Schmees. Ein weiterer Vorteil zeigt sich gegenüber der gängigen Chemotherapie, bei der beispielsweise bei Brustkrebs ein entsprechendes Chemotherapeutikum bei allen Patientinnen mit derselben Diagnose eingesetzt wird. Dagegen lässt sich mit dem Mikrotumor, der Brustkrebszellen von einer einzelnen Patientin enthält, eine gezielte Therapie entwickeln, weil man herausfinden kann, welches Medikament speziell bei dieser Erkrankten wirkt. In diesem Fall spricht man von personalisierter Medizin.

3R-Methoden wie beispielsweise einfache Zellkulturen können nicht alle Tierversuche ersetzen. " Sobald ein Blutstrom benötigt wird, geraten diese Methoden an ihre Grenzen " , räumt Direktorin Schenke-Layland ein. Organ-on-a-Chip-Technologien könnten eine Lösung sein - hier werden komplexe biologische Systeme auf einem sogenannten Bio-Chip simuliert. Dieser Technologie soll sich auch die neu zu besetzende Professur des Zentrums widmen. Denn Bio-Chips könnten realistischer die Auswirkung von Therapien auf den Menschen zeigen, als das bei Tieren möglich ist.