Obdachlosigkeit in Südbaden

Risiko zur Wohnungslosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Sigrun Rehm, Klaus Riexinger, René Zipperlen

Von Sigrun Rehm, Klaus Riexinger & René Zipperlen

So, 17. November 2019 um 15:17 Uhr

Südwest

Der Sonntag Armut durch Trennung, Krankheit oder Jobverlust sowie steigende Mietpreise: Wer seine Wohnung verliert und keine Hilfe hat, stürzt oft ab. Wie ist die Situation in Südbaden?

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist vergangenes Jahr nach einer Schätzung auf 678.000 gestiegen. Geflüchtete gehörten zunehmend zur Risikogruppe, heißt es in dem Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG). Doch vor Ort fällt die Entwicklung unterschiedlich aus, wie die Beispiele Freiburg, Emmendingen und Lörrach zeigen.

"Wie jedes Jahr zu Beginn des Winters werden die Probleme unserer Gäste drängender und die Anspannung steigt", sagt Willibert Bongartz, Leiter der Pflasterstub in Freiburg. 100 bis 120 Menschen kommen jeden Tag in die 1995 gegründete Einrichtung im Keller eines Hinterhauses an der Herrenstraße, die vom Caritasverband Freiburg-Stadt getragen wird, rund 900 verschiedene Gesichter sieht Bongartz dort pro Jahr. Hier finden sie ein kostenloses Frühstück, können duschen, die medizinische Ambulanz aufsuchen, ihre Post in Empfang nehmen oder sich in der Kleiderkammer mit dem Notwendigen eindecken. Etwa die Hälfte der Tagesgäste lebt ganz auf der Straße, die andere kommt in Notunterkünften oder bei Bekannten unter.

Im Winter 2016/2017 wurde Freiburg durch eine stark gestiegene Nachfrage nach Notaufnahmeplätzen sprichwörtlich kalt erwischt. "Da mussten wir improvisieren. Aber das gehört dazu", sagt Claudius Heidemann, der Zuständige für Wohnungslose im Sozialamt. 2020 soll Schluss sein mit Improvisieren. Die Zahl der Wohnheimplätze in der Wohnungsnotfallhilfe soll dann den Bedarf decken.

Die meisten Obdachlosen leben nicht auf der Straße

Gestiegen ist die Zahl der Wohnungslosen in Freiburg zuletzt nicht mehr. Sie stagniert auf hohem Niveau. Das ergab eine Auswertung des Amtes für Soziales und Senioren für das Jahr 2018. Amtsleiter Boris Gourdial führt diese Entwicklung auf die Anstrengungen der Stadt in den vergangenen sechs Jahren zurück. Neben dem Ausbau der Wohnheimplätze setzt die Stadt auf Prävention. Wird etwa einer Familie die Wohnung gekündigt und sie findet keinen Ersatz, leistet das Sozialamt bei der Suche Hilfe. 2018 wurden 2732 Menschen beraten und in nur fünf Prozent der Fälle mussten Familien in städtischen Wohnheimen untergebracht werden. "Das kann sich sehen lassen. Im Landesvergleich liegen wir damit weit vorne", sagt Gourdial.

Als erfolgreich hat sich vor allem die seit 2016 praktizierte Zusammenarbeit mit der Freiburger Stadtbau erwiesen. Obdachlose, die tatsächlich auf der Straße leben, prägen zwar das Bild von Wohnungslosen, sie sind aber eine kleine Minderheit. 2018 gab es in Freiburg geschätzte 50 bis 90 Betroffene. Flüchtlinge unter den Wohnungslosen seien in Freiburg auch keine signifikante Gruppe, sagt Heidemann. Ebenso wie Menschen, die sich keine Wohnung im überteuerten Markt leisten können und deshalb nach der Arbeit in die Notunterkunft ziehen. "Für die suchen wir so schnell wie möglich einen Wohnheimplatz mit Einzelzimmer." Notfalls bitte man den Arbeitgeber um Hilfe.

Dass immer mehr junge Menschen und Zugewanderte aus EU-Ländern unter den Wohnungslosen sind, kann Pflasterstubenleiter Bongartz aber bestätigen: "Seit vor acht Jahren die Freizügigkeit auf Südosteuropa ausgeweitet wurde, kommen viele Menschen aus Bulgarien und Rumänien zu uns." Die meisten seien auf der Suche nach Arbeit, doch wenn die oft prekären Beschäftigungsverhältnisse enden oder sie krank werden, landen einige auf der Straße. An diese Menschen wendet sich das Projekt "Hilfen für Zugewanderte aus der EU in stark benachteiligten Lebenssituationen in Freiburg".

"Wir stellen eine Zunahme der Wohnungslosen im Kreis Emmendingen fest", sagt Alfons Woestmann, Leiter des Hauses Eliah in Emmendingen, der Facheinrichtung für wohnungslose Menschen im Landkreis, die vom AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg getragen wird. "Ganz ohne Unterkunft kamen dieses Jahr 29 Männer und eine Frau zu uns", sagt Woestmann. 39 der Klienten gehörten zu einer Gruppe, die oft vergessen wird: "Diese Menschen haben eine Wohnung, aber sie sind bedroht, sie zu verlieren, weil sie die Miete nicht zahlen konnten oder die Kündigung bekommen haben", sagt Woestmann. Hier versuche das Haus Eliah zu vermitteln – oft mit Erfolg.



"Obdachlosigkeit ist in die Mitte der Gesellschaft gerückt, sie kann jeden treffen", sagt Stefan Heinz, Geschäftsführer des Erich-Reisch-Hauses in Lörrach für Wohnungslosenhilfe. In deren Einrichtungen im Landkreis Lörrach waren 2019 213 Menschen untergebracht. Als Risiken nennt er steigende Mietpreise und Armut etwa durch Trennung, Krankheit oder Arbeitsplatzverlust. 2018 gab es im Landkreis 416 von Wohnungslosigkeit bedrohte Haushalte. Vier Jahre zuvor waren es 272.

Bei der von der BAG genannten Zahl der Wohnungslosen in Deutschland mahnt Amtsleiter Gourdial zur Vorsicht. Es handle sich um eine grobe Schätzung. Eine vom Bundessozialministerium in Auftrag gegebene Umfrage unter Kommunen mit einer deutlich höheren Rücklaufquote komme auf halb so viele Wohnungslose.

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