Ein genderfluider Teufelskerl

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 13. Mai 2019

Theater

Das Theaterkollektiv Raumzeit und sein Toleranz-Plädoyer "Mit der Träne im Knopfloch".

Mit platinblonder Langhaarperücke, roten Highheels und türkisfarbenem Abendkleid sitzt Nic* Reitzenstein in Travestiemanier auf der Bühne des Musiktheaters der "Schönen" im Freiburger E-Werk und singt melodramatisch den Schlager "Butterfly" vor kirschrotem Vorhang. "Mit der Träne im Knopfloch" heißt dieser grandiose, von Stadt und Land geförderte Soloabend, bei dem sich das Theaterkollektiv Raumzeit wieder einmal in den Identitätsdschungel samt Geschlechterklischees und Rollenbrüchen wirft (Text, Dramaturgie: Jenny Warnecke. Regie, Schauspiel, Gesang: Nic* Reitzenstein). "Ein Herrendarstellerinnen-Abend", so der Untertitel dieses ebenso lustigen wie berührenden Plädoyers für Toleranz, das 90 Minuten lang mit Liedern, Szenen und poetischen Texten, vor allem aber mit großer Intensität von Sehnsucht und Anderssein erzählt.

Johnny Butterfly heißt der Prinz, in den Reitzenstein hier in der Tradition englischer Crossdresserinnen des Viktorianischen Zeitalters schlüpft: Ein genderfluider Teufelskerl, der mit dem Pferd durch ein endloses Blumenmeer galoppiert und seiner geliebten Grundschullehrerin tief in die Augen blickt. Schillernd, weil voller Selbstironie, Radikalität, Verletzlichkeit.

Die Verwandlung erfolgt auf offener Bühne: Unter der Perücke verbirgt sich eine raspelkurze Undercut-Frisur, die Boxershorts mit Eingriff verschwindet unter elegantem Hemd und Herrenhose. Dann legt Johnny los: Mit viel Schmelz in der Stimme röhrt er eine Max-Raabe-Coverversion von "Ich bin dein Mann", gefolgt von "Just A Gigolo" und "I Hope That You Don’t Fall In Love With Me" von Tom Waits. Überhaupt gibt es viele tolle Lieder, ungewöhnlich arrangiert und mit viel Körpereinsatz und Slapstick mal als Rap, Jazz-Song oder Schlager präsentiert und musikalisch virtuos begleitet von Burkhard Finckh und Beni Reimann an Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Trompete.

Doch was ist eigentlich ein Mann jenseits der Zwänge binärer Geschlechtergrenzen? Einer, der wie in der clownesken Parkbankszene ungefragt klugscheißt und seine Zufallsbekanntschaft breitbeinig in die Ecke drängt? Oder jener melancholische Romantiker, der sich bei Zarah Leanders "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" nach Liebe verzehrt, unbekannten Frauen am Bahnhof sein Sorgenohr leihen will und nächtliche Gedichte ins Telefon raunt?

Blitzschnelle Verwandlungen und Gefühlsumschwünge – Nic* Reitzenstein kreiert hier einen charismatischen Bühnencharakter, der sich stark macht für Frauen in Hosen, für Freiheit und Authentizität. Beste Unterhaltung mit Herz und subversivem Witz.

Weitere Vorstellung: Fr, 17. Mai, 22 Uhr im Slow Club, Haslacherstr. 25, Freiburg.