Mountainbike

Thomas Zipfel zeichnet Sport-Cartoons voller Witz und Wärme

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Do, 23. Juli 2020 um 21:05 Uhr

Skispringen

Thomas Zipfel, Langlauf-Urgestein der Kirchzartener Vier-Buben-Dynastie und Beinahe-Fußballprofi, karikiert als Cartoonist Weltklasse-Wintersportler, Mountainbiker und Freiburger Bobbele.

Thomas Zipfel (64) kennt sie alle: Weltklasseskispringer Andreas Wellinger und den japanischen Weitenjäger-Opa Noriaki Kasai, den berühmtesten Schwarzwald-Sportler Georg Thoma und dessen sportlichen Enkel Fabian Rießle, Team-Olympiasieger in der Nordischen Kombination. Mit spitzer Feder und flinkem Strich bringt der international erfolgreiche Cartoonist aus Kirchzarten, bis zu seiner Pensionierung Sportlehrer an der Realschule Titisee-Neustadt, die Welt des Wintersports und die Tricks der Mountainbiker auf den Punkt.

Zipfels großformatige Cartoons, mit denen er seit mehr als 20 Jahren beim Black-Forest-Ultra-Bike-Marathon an extrem anstrengenden Aufstiegen wie etwa dem Stollenbach augenzwinkernd die Schinderei der Ritzel-Ritter aufs Korn nimmt und für Schmunzeln im Peloton sorgt, sind Grobstollen-Kult und Pop-Kultur. In der Breisgau-Metropole zieren seine großformatigen Bollenhut-Fahrradfahrer-Cartoons Freiburgs Einfallstraßen und mahnen Autofahrer und Radler, seien sie jetzt Fremde oder Bobbele, zum Mit- statt Gegeneinander.

Zipfel ist ein genauer Beobachter, kein Lautsprecher. Obwohl: laut kann er schon werden. Richtig Krach machen, das liegt ihm, mit der Luftgitarre in der Hand. Im kleinen Südschwarzwald-Weiler Aftersteg hat er als besessener Entertainer einen fiesen, bis zu 22 Prozent steilen Anstieg so berühmt gemacht wie die Tour-de-France-Etappe zur Alpe d’ Huez. An der "Alpe de Fidlebrugg" gibt er beim Black-Forest-Ultra-Bike-Marathon den Einpeitscher. Thomas Zipfel weiß, wie Sportler ticken, was sie fühlen, wenn die Wade zwickt und der Kopf bei der Luftfahrt mehr will, als der Körper hergibt. Er weiß, wie es sich anfühlt, zu verlieren und wie süß das ist, was jeder Sportler will: siegen, fast um jeden Preis.

Thomas Zipfel ist Sportler durch und durch, seit er ein Kind war. Begeisterter Fußballer ("ich wollte unbedingt Profi beim Freiburger FC werden"), Skilangläufer, Mountainbiker, Langstreckenrennradler, Motivator auf schmalen Latten und Leichtathlet. Die 1000 Meter lief er als 17-Jähriger in 2:36 Minuten. Den Schulsport-Wettbewerb "Jugend trainiert für Olympia" hat er als findiger Trainer mit Leben erfüllt, die von ihm geführten Langlauf-Teams der Realschule Neustadt wurden acht Mal Bundessieger. Seit ein paar Monaten ist er mit Wehmut in Pension: "Ich war leidenschaftlich gerne Lehrer, die Schüler fehlen mir."

Zusammen mit seinen Brüdern, dem ehemaligen Skilanglauf-Bundestrainer und vielfachen deutschen Meister Georg Zipfel, Peter und Ulrich, feierte der Zweit-Geborene der Kirchzartener Langlauf-Dynastie Skierfolge in Serie und blieb doch bodenständig. Während Georg, der Tüftler, der den Skiathlon und die Langlauf-K.o.-Sprints erfand und Peter, der laufstarke Grafiker, bei Weltcups und Weltmeisterschaften starteten, blieben Thomas Zipfel die Vergleiche auf Bundes- und Landesebene. "Ich war der unter den Zipfels, den man schlagen konnte", erinnert er sich lachend, "ich war halt das Opfer für meine Konkurrenten, nach ganz oben hat es auf schmalen Latten nie gereicht". Aber mit Pinsel und Bleistift. Zipfel ist Cartoonist des Internationalen Skiverbands (FIS), zeichnet bei Skisprung-, Langlauf- und Kombinierer-Weltcups als präziser Beobachter in Echtzeit für die Präsentation der Sieger im TV-Studio. "Um 14 Uhr krieg’ ich den Auftrag", gibt er Einblick in positiven Stress, "um 16 Uhr muss der Cartoon fertig sein".

Die Logos für die Skiflug-Weltmeisterschaft in Oberstdorf und die Tour de Ski stammen aus seiner Feder, Weltklasse-Athleten wie Langläufer Vegard Ulvang, Kombinierer Eric Frenzel und die Sieger der Vierschanzentournee hat er in den vergangenen Jahren ebenso wie die Bundesliga-Fußballerinnen des SC Freiburg porträtiert. Jeder könne zeichnen, behauptet Zipfel im Gespräch mit dem BZ-Menschen, "machen Sie mal". Es wird ein ungelenker Doppelkringel. "Sehen Sie", sagt Zipfel, tupft zwei Punkte in das Dilettantengekrakel, setzt schwungvoll eine Tolle drauf, fertig ist, binnen drei Sekunden, ein Schwarzwälder Skischlumpf. Schnelligkeit sei keine Hexerei, behauptet er, "wenn die Idee stimmt". Dafür braucht es Geistesblitze. Die durchzucken Zipfel beim Langlaufen und Radfahren, "daheim muss ich das nur noch aufs Papier bringen".

"Ein Cartoon soll reizen und

zu Diskussionen anstacheln."

Thomas Zipfel über sein Können
Woher das Talent? "Handwerk", behauptet Zipfel, den Beruf des Schriftsetzers hat er in Freiburg gelernt, "mit Handsatz". Gezeichnet habe er schon als kleiner Bub, "ich hab’ meine ersten Versuche auf die unbedruckten Seitenränder der BZ gekrakelt, die bei uns auf den Frühstückstisch gehörte." Das bisschen Rand der "Badischen" wird bald zu klein als Staffelei. Weil das Geld für Zeichenblocks fehlt, sorgt der Kirchzartener Briefträger für Nachschub mit Blanko-Briefumschlägen. "Die hab’ ich aufgetrennt und hatte dann ein ordentliches Format". Sein erster Lehrmeister ist der Maskenschnitzer Gerhard von Ruckteschell. Zipfel lernt Stift und Messer einzusetzen, schaut dem Handwerker genau auf die Finger, erlernt das flächige Zeichnen.

"Im Prinzip war ich Autodidakt", erinnert er sich, den Kick zum Cartoon holt er sich als begeisterter Comic-Leser. Nicht die clevere Mickey Mouse, sondern Goofy, der doofe Widerpart des Disney-Klassikers, animiert ihn zu eigenen schnellen Strichen, aus denen der unverwechselbare Zipfel-Stil wird. Zeichnungen, auf den Punkt gebracht mit Hintersinn und symbadischem Humor. "Der Haitzinger war mein Vorbild", sagt Zipfel, die Karikaturen des bayerischen Politik-Erklärers, der jahrzehntelang täglich für die BZ-Leser und andere große deutsche Tageszeitungen Schrecken und Schräges der Welt zu Papier brachte, haben ihn geprägt. "Der Blick auf das Detail", das treibe ihn an, "ich war immer der Beobachter". Ein Cartoon sei die Kunst, die Essenz zu entdecken. "Ich reduziere und reduziere und das kommt aufs Papier." Das Kuriose im vermeintlich Alltäglichen macht er mit spitzer Feder sichtbar – etwa beim "Spurwechsel" auf der Schanze.

Woran er jetzt arbeitet? "Corona, natürlich, da kommst du nicht drumrum." Das Virus bestimmt, überlagert, bedroht den Alltag, den Sport, das Miteinander. Ein Spannungsfeld, das sich in Zipfels jüngsten Cartoons niederschlägt. Was tun, wenn es im kommenden Weltcup-Winter bei Langlauf-Massenstart-Rennen den unumgänglichen Sicherheits-Mindestabstand braucht? Zipfel denkt da an Ballonanzüge im XXL-Format, in denen die hageren Langläufer zu ertrinken scheinen, oder an mit Startnummern bedruckte Gesichtsmasken, damit es auf der Brust mehr Platz gibt für allumfassende Werbungswut der Marketing-Industrie.

"Ein Cartoon soll reizen und zu Diskussionen anstacheln", sagt Thomas Zipfel, "das Leben ist so kurios, man muss es nur anschauen und zu Papier bringen."