Tour de France im Schatten von Corona

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

So, 30. August 2020

Radsport

Die 107. Rundfahrt kommt auch wieder in die Vogesen.

Das wohl größte Sportereignis der Welt in diesem Jahr sollte gestern in Nizza gestartet werden: die 107. Tour de France (die erste Etappe war bei Redaktionsschluss nicht beendet).

Doch nicht die Frage, wer sie gewinnen wird, stand im Vorfeld im Mittelpunkt der Diskussion – sondern die Frage, welche Risiken das Nachbarland vor dem Hintergrund der Corona-Krise mit der Tour auf sich nimmt. Zuletzt stiegen die Infektionszahlen in Frankreich wieder stark. Mehr als 4000 Fälle täglich wurden gemeldet. Die Organisatoren der Tour lassen trotzdem bis zu 5000 Menschen an den Start- und Zielorten zu. Zuschauer dürfen auch am Streckenrand stehen. Tour-Direktor Christian Prudhomme appellierte an die Vernunft der Fans und bat sie, Abstand zu halten. Wer den Enthusiasmus und die Begeisterung der Franzosen für Radrennsport kennt, zweifelt allerdings daran, dass sie kühlen Kopf bewahren werden – zumal in den entscheidenden Augenblicken. "Unverantwortlich" findet es etwa der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel, die Tour vor dem Hintergrund der vielen Neuansteckungen nun drei Wochen lang mit Sportfans live vor Ort durchs Land rollen zu lassen.

Wenn sie überhaupt so lange rollt. "Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann", sagte der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin der Deutschen Presse-Agentur. Die Fahrer selbst und ihre wichtigsten Betreuer werden noch am besten geschützt sein. 2500 Corona-Tests sollen bei ihnen gemacht werden: zwei Mal vor dem Tour-Start sowie am ersten und zweiten Ruhetag. Teams und ihr engstes Umfeld bilden zusammen ihren eigenen Schutzraum, die sogenannte Blase. Ob eine Equipe am 20. September das Ziel auf den Champs-Elysées erreicht, hängt entscheidend davon ab, wie viele positive Testergebnisse es gibt. Ein Fahrer mit Corona wird sofort ausgeschlossen. Sollten zwei Profis binnen einer Woche positiv getestet werden, wird der ganze Rennstall von der Tour suspendiert.

Nominiert für die Große Schleife ist auch der 34 Jahre alte Routinier Simon Geschke aus Freiburg. "Wie im vergangenen Jahr möchte ich in der zweiten und dritten Woche eine wichtige Rolle in den Ausreißergruppen spielen, insbesondere bei den mittleren bis harten Bergetappen", erklärte der Profi des Teams CCC der dpa. Geschke, der 2015 in Pra-Loup eine Bergetappe der Tour gewinnen konnte, wird zum achten Mal bei einer Frankreich-Rundfahrt an den Start gehen. "Ich bin sehr erleichtert, dass die Tour stattfinden wird", sagte er vor einer Woche. "Ich weiß, wie wichtig es für den Radsport ist, damit wir eine Plattform für die Sponsoren haben."

Am vorletzten Tour-Tag, dem 19. September, findet ein Einzelzeitfahren in der Nähe Südbadens statt. Die 20. Etappe führt über 36 Kilometer vom Startort Lure auf einen Berg in den Vogesen: La Planche des Belles Filles. Sie könnte die sportliche Entscheidung bringen. "Zeitfahren am Ende der Tour de France sind die spannendsten in dieser Disziplin", sagt Tour-Direktor Prudhomme (http://www.letour.fr Immer vorausgesetzt, dass die Tour in diesem Jahr überhaupt so weit kommt. Andreas Strepenick