"... und hinterher bist du schlauer"

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Fr, 10. Juli 2020

Titisee-Neustadt

BZ-INTERVIEW mit Martina Seiler, die nach 30 Jahren als Redaktionsassistentin der BZ-Lokalredaktionen den Ruhestand angetreten hat.

Mehr als 30 Jahre arbeitete sie für die Badische Zeitung und war für die Leserinnen und Leser, die mit einem Anliegen in die Redaktion kamen, ebenso wie für ihre Kollegen stets eine freundliche, zugewandte und hilfsbereite Ansprechpartnerin. Jetzt wechselte Martina Seiler (67) in den verdienten Ruhestand. Im Gespräch mit BZ-Mitarbeiterin Annemarie Zwick blickt die nun ehemalige Redaktionssekretärin zurück und voraus. Dabei blieb es, entgegen der üblichen "professionellen Distanz", beim gewohnten kollegialen Duzen.

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BZ: Erinnerst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag am 15. März 1990 ?

Seiler: Ich war verdammt aufgeregt und gespannt, ob die Kollegen merken würden, dass ich nicht mit zehn Fingern Schreibmaschine schreiben kann. Der erste Arbeitstag ist immer anstrengend. Die Kollegen waren sehr nett, die Angst war unbegründet.

BZ: In welchen Redaktionen hast du gearbeitet?

Seiler: Ich habe in der Neustädter Redaktion begonnen. Zwischendurch arbeitete ich vier Jahre als Vertretungskraft in St. Blasien. Danach wechselte ich zurück in die Redaktion Neustadt als Redaktionssekretärin.

BZ: Wie bist du zur BZ gekommen?

Seiler: Im Briefkasten steckte ein Zettel, "Zusteller gesucht". Damit habe ich Weihnachten 1986 in Schluchsee angefangen, als meine Kinder noch klein waren. 1990 hat man dann Texterfasserinnen gebraucht.

BZ: Welches sind die wichtigsten Anforderungen an eine Redaktionssekretärin?
Seiler: Die Ruhe bewahren, ausgleichen, ahnen, wann wer warum wie reagiert. Man sollte Termine präsent haben und sich auf ein gutes Gedächtnis verlassen können, Teilaspekte kombinieren, die Menschen gut kennen, den Überblick bewahren und verschwiegen sein. Ganz wichtig ist auch, immer mit offenen Augen und Ohren unterwegs zu sein, um auf neue Themen aufmerksam zu werden.

BZ: Welches waren die größten Veränderungen in 30 Jahren?
Seiler: Vor 30 Jahren hat man getippt, die Bilder wurden noch im Kämmerchen entwickelt und dann im Köfferchen zur Bahn gebracht. Damals kam alle fünf Minuten jemand rein, heute laufen fast alle Kontakte über E-Mail oder bestenfalls noch übers Telefon. Es war eine meilenweite Entwicklung vom Erfassen und Spiegeln bis zum selbständigen Gestalten der Terminseite.
BZ: Wie viele Chefs hast du erlebt?

Seiler: Das waren nur vier, Thomas Winckelmann und Peter Stellmach in Neustadt und Siegfried Gollrad und Horst A. Böß in St. Blasien.

BZ: Gibt es eine ganz spezielle Erinnerung an deine BZ-Zeit?

Seiler: Gerhard Wolf (ein früherer Neustädter Redakteur, Anmerkung der Redaktion) hatte mich mal gefragt, ob ich nicht Lust hätte zu schreiben. Ich habe mich zuerst nicht getraut, aber er hat mir Mut gemacht. Die Termine und das Schreiben über unterschiedliche Themen haben mir dann großen Spaß gemacht. Es ist genial: Du gehst irgendwo hin, hörst dir an, was Fachleute zu sagen haben, denkst darüber nach, informierst dich anderweitig – und hinterher bist du schlauer.

BZ: Was wirst du vermissen im umtriebigen Ruhestand?

Seiler: Das wird sich erst noch zeigen, aber die Tagesstruktur brauche ich nicht.

BZ: "Niemals geht man so ganz" sang einst Trude Herr – wirst du der BZ als freie Mitarbeiterin erhalten bleiben, also weiterhin gelegentlich Termine übernehmen und Artikel schreiben?

Seiler: Jetzt mach’ ich erst mal eine Pause, damit es wirklich ein Schnitt ist. Nach einer Neuorientierung könnte ich es mir schon vorstellen.