Wenn man fürs Zeitmanagementseminar erstmal leider keine Zeit hat / Von Martina Philipp

UNTER UNS: Häkchen fürs Gemüt

Martina Philipp

Von Martina Philipp

Sa, 14. Mai 2022

Kolumnen (Sonstige)

Das Zeitmanagementseminar, das ich vergangenen Sommer gebucht hatte, musste ich absagen, weil ich doch keine Zeit hatte. Sowas. Neulich kam zu meinem Entzücken erneut eine Einladung; aus verschiedenen Gründen kann ich mir jedoch nur den Termin im Februar 2023 gut einrichten. Ich habe also noch ein bisschen Zeit bis dahin – oder eben auch nicht.

Zeit ist in manchen Lebenslagen, wie Sternschnuppen es sind. Selten, fast magisch, schnell weg. Immer wieder träume ich davon, wie es wäre, wenn man sich mehr Zeit kaufen könnte. Nach dem Motto: Ah, heute wird alles ein bisschen knapp hintenraus, da gönne ich mir ein halbes Stündchen extra für 35 Euro. Zack, der Tag hätte 24,5 Stunden und der Feierabend wäre entzerrt, entspannt, entschleunigt. Geht nur nicht, ist klar. Wobei, man kann natürlich einen neuen Mülleimer, das Geschenk für die Kollegin oder gar eine Ladung Lebensmittel für den ausgedünnten Kühlschrank im bösen Internet bestellen. Und sich damit quasi ein Stündchen Zeit kaufen und viel Rumgerenne ersparen. Aber wer tut schon so was.

Tatsache ist jedenfalls: Wenn zeitmäßig nichts obendrauf kommt, muss unten drunter was weg. In einer angenehmen Position sind dann die, die bis dato noch ein paar Zeitfresser – Begriff aus dem Zeitmanagement, so viel weiß ich schon – in ihrem Alltag duldeten. Die können sagen: Okay, dann sortiere ich meine Socken im Regal mal nicht nach Farben. Wobei man da selbstredend genauer hingucken sollte. Was, wenn das Sockensortieren einen äußerst stabilisierenden Effekt auf die Person hat? Dann wird aus dem vermeintlichen Zeitfresser schnell mal ein wirkungsvolles Psychohygiene-Werkzeug, das jede Berechtigung in diesen Zeiten hat.

Fakt ist, dass mich Sockensortieren noch nie stabilisiert, leider aber auch noch nie sonderlich beschäftigt hat. Zwei Socken in ungefähr derselben Farbe zügig zusammenzuführen, ist alles, was mich bei dem Thema im Wesentlichen interessiert.

Ein verführerischer Gedanke ist ja, dass Zeit sich zumindest ein bisschen ausdehnen könnte, wenn man möglichst viel hinein packt. Das gute alte (und sehr verpönte) Multitasking. Es ist zwar längst wissenschaftlich belegt, dass ein Menschenhirn nicht für den Mist gemacht ist. Trotzdem können es viele Leute, die unter Zeitknappheit leiden, nicht lassen. Das erfordert Konzentration und ein gewisses Faible für Akrobatik. Etwa wenn man Fahrrad fährt, eine Sprachnachricht aufnimmt und nebenher frühstückt. Verboten, weil gefährlich, ist es natürlich außerdem.

Jeder, der schwungvoll durch sein Leben mit zig Baustellen rauscht, kommt letztlich um zwei Dinge kaum herum: einen Zettel und einen Stift, gern auch To-Do-Liste genannt. Hat man was erledigt, freut sich das Belohnungssystem wie Bolle und will sofort mehr. Lange Zeit war das bei mir tatsächlich ein schnödes Blatt, auf das ich "to do" gekritzelt habe. Dann – es ist ein bisschen peinlich – bin ich zur Steigerung der Motivation dazu übergegangen, ein Herz daneben zu malen. Siehe da, ich habe irgendwie weniger mürrisch draufgeschaut. Heute arbeite ich längst mit einem hübschen professionellen To-Do-Listen-Block sowie einem vierfarbigen Kugelschreiber, bin motiviert wie noch was und denke, bis Februar 2023 komme ich so über die Runden.

An dieser Stelle sinnieren im Wechsel Kathrin Ganter, Patrik Müller und Martina Philipp über die Finessen des Alltags.