UNTERM STRICH: Auf dem Friedhof der Terminologie

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Do, 16. Juli 2020

Unterm Strich

Warum das Sofa nicht mehr Sofa heißt / Von Michael Saurer.

Es gibt Dinge, die verschwinden einfach. Die Telefonzelle gehört sicherlich dazu. Auch nach dem Videorekorder kräht kein Hahn mehr, ebenso wenig nach Walkman oder Parkuhren.

Und es gibt Begriffe, die einfach aussterben. In den 70ern fand die Jugend zum Beispiel noch alles dufte. Woher das Wort überhaupt kam, lässt sich wohl ebenso wenig herausfinden wie die Umstände, die zu seiner Ausrottung führten. Es war kein Meteorit, wie bei den Dinos, kein staatliches Verbot – der Begriff wurde einfach vom Zahn der Zeit abgenagt wie ein saftiges Hühnerbein und dann achtlos auf den Friedhof der Terminologie geworfen.

Dorthin droht auch ein anderes Alltagswort zu entschwinden: das Sofa. Oder auch die Couch. Klar, das Möbel gibt’s schon noch. Nur heißt es nicht mehr so. Jedenfalls, wenn man den einschlägigen Prospekten der Möbelhäuser glauben darf. Dort wird seit geraumer Zeit nur noch von einer "Wohnlandschaft" gesprochen.

Bei einer Landschaft denkt man als Südbadener natürlich sofort an den Schwarzwald, an grüne Wiesen, sanfte Hügel und dunkle Wälder. Die Wohnlandschaft ist da im Vergleich eher trist, grau und filzig. Keine Landschaft, die ein Monet oder ein Caspar David Friedrich hätten darstellen wollen.

Aber vielleicht ist es nicht nur der Begriff der Couch, der am Aussterben ist, sondern auch die Art ihrer Nutzung. Denn wer setzt sich denn noch brav aufs Sofa? Heute lümmelt man dort, das iPad auf die Brust gesetzt, und streamt sich durch Netflix. Und vielleicht passt die Wohnlandschaft deshalb eben doch wieder ganz gut. Denn was gibt es Schöneres, als in einer schönen Landschaft auszuspannen? Und das ohne die Sorge vor Zecken, Ameisen oder Sonnenbrand.

Und immerhin hat der französische Künstler Edouard Manet 1874 ein Bild von einem Sofa gemalt, auf dem seine Frau sich räkelt. Es gibt sie also doch, die Wohnlandschaftsmalerei.