UNTERM STRICH: Das Weichtier mit dem Linksdrall

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Do, 04. Juni 2020

Kolumnen (Sonstige)

Wie Schnecke Jeremy der Forschung helfen konnte / Von Michael Saurer.

Rechts und links sind zwei wichtige politische Kategorien. Nur wer jeweils zur einen oder anderen Kategorie gehört, ist nicht immer leicht zu sagen und oft eine Frage der Perspektive. Bei Weinbergschnecken ist das einfacher. Sie sind fast immer rechts. Nicht politisch natürlich, nur ihr Haus weist eine rechtsgewundene Spirale auf. Worauf dieser Rechtsdrall gründet, ist bislang unklar, zumal es, sprunghaft wie die Natur ist, in seltenen Fällen auch Weinbergschnecken gibt, deren Haus linksherum gewunden ist.

Jeremy ist so ein Fall. Jeremy wurde einst von britischen Wissenschaftlern der Universität Nottingham auf einem Komposthaufen entdeckt und mit ins Labor genommen. Die Forscher wollten wissen, ob es ein Fehler in der Entwicklung war oder ob Jeremy einfach genetisch so programmiert war.

Dazu mussten Nachkommen her, was aber nicht so einfach war. Denn nicht nur das Haus ist bei ihm verkehrt herum, auch die Geschlechtsorgane finden sich auf der falschen Seite, also dort, wo eine paarungswillige andere Schnecke sie nie vermuten würde. Sprich: Die Paarung mit einem rechtsdrehenden Artgenossen war nicht möglich. Die Forscher wussten sich aber zu helfen, schalteten einen weltweiten Aufruf über Soziale Medien, doch bitte nach linksdrehenden Weinbergschnecken Ausschau zu halten – und wurden fündig. Um die 40 weitere Linksdreher fanden Schneckenfreunde aus aller Welt und schickten sie nach England, damit sie sich dort mit Jeremy vergnügen konnten.

Erst kurz vor seinem altersbedingten Schneckentod schaffte es Jeremy tatsächlich, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Und der war durchweg rechtsdrehend, die Besonderheit scheint also nicht genetisch bedingt zu sein. Und es ist ein Fehler, der auch beim Menschen vorkommt. Situs inversus nennt sich das Phänomen, bei dem die Organe spiegelverkehrt liegen. Für die Nachwuchsplanung ist das aber unerheblich. Zum Glück für die Betroffenen sind die Geschlechtsorgane des Menschen mittig angeordnet.