UNTERM STRICH: Der Schock des Professor Wang

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Di, 16. Februar 2021

Unterm Strich

Warum Online-Vorlesungen nicht der Weisheit letzter Schluss sind / Von Frank Zimmermann.

Viele dürften im Laufe der Pandemie dieses Missgeschick beim digitalen Konferieren oder Fernunterricht erlebt haben: Einer beginnt zu reden, ohne dass etwas zu hören ist, denn er hat vergessen, dass er noch stummgeschaltet ist. Nun gibt es technisch verschiedene Möglichkeiten des Konferierens – bei einer Variante kann sich jeder Teilnehmende gleichberechtigt einklinken ins Gespräch und auf den Fauxpas hinweisen. Es gibt aber auch die Variante, bei der der Redner den anderen übergeordnet ist, und die können dann nur per Chat, Mail oder einer Handhebfunktion dem anderen ein Feedback geben. So kann es passieren, dass ein Referent, ist er in seinen Vortrag vertieft, schon mal eine Weile vor sich hin redet. Kommen dann noch technische Probleme hinzu, kann die digitale Sprechkommunikation zum Desaster werden.

Womit wir beim traurigen Erlebnis des Mathematikprofessors Dong Wang der Universität Singapur wären. Es ist 20 Uhr, Professor Wong beendet seine Zoom-Vorlesung. "Haben Sie Fragen oder können wir die Sitzung beenden?" Nun meldet sich ein Student: "Sie waren stumm geschaltet die ganze Zeit. Wir haben Sie seit 18.08 Uhr nicht mehr gehört." – So ganz begreift Professor Wang noch nicht. Er fragt nach: "Oh, seit wann?" – "18.08 Uhr", sagt der Student. Der Professor schaut auf die Uhr. So langsam begreift er. Trotzdem fragt er ein weiteres Mal: "Wie lange konnten Sie mich hören?" – "Nur die ersten paar Minuten", antwortet der Student, "ab 18.08 Uhr war Ihr Bildschirm eingefroren, und seitdem konnten wir nichts mehr hören." – Was nun folgt, lässt einen das Herz erweichen: Professor Wang wird gewahr, dass er die letzten zwei Stunden in die Tonne treten kann. Er kneift sein rechtes Auge zu, atmet tief und schnell durch – einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Er ringt um Fassung. "Okay, dann muss ich die Stunde irgendwann nachholen. Entschuldigung." Bleibt die Frage: Wie viele seiner Studierenden saßen um 20 Uhr eigentlich noch brav vor dem Rechner?