UNTERM STRICH: Die Bestie wird gezähmt

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Von dpa

Do, 03. September 2020

Unterm Strich

An der Wiener Staatsoper soll man nicht mehr Buh oder Bravo rufen / Von Alexander Dick.

"Das Publikum ist eine Bestie." Solches flüsterte uns einst ein namhafter Sänger nach dem soundsovielten Glaserl Wein mit wissendem Blick zu. Was aber tun Bestien? In ihrer Eigenschaft als wilde Tiere stürzen sie sich auf ihre Feinde und zerfleischen sie. Dergleichen ist uns über Sänger bislang, Gott sei Dank, nicht bekannt. Andererseits: Wenn so ein armer Tenor nach einer Vorstellung, die für ihn und seine Stimme nicht so toll gelaufen ist, vor den Vorhang tritt und ihm ein Konzert aus aberhunderten von Buh-Rufen entgegenschallt, ist das vermutlich wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Ein gutes Stichwort. In Zeiten vor der Pandemie durfte man als Bestie oder einfach nur ganz normaler Theater- oder Konzertgänger auch sein Vergnügen an einer Performance richtig lautstark zum Ausdruck bringen. Ekstatischer Beifall und Bravo-Rufe – waren sie nicht so etwas wie das Brot der Künstlerinnen und Künstler? Waren. Dass wir uns künftig ganz anders vor der Bühne betragen werden müssen, lässt eine Vorgabe der Wiener Staatsoper vermuten. Die darf ihren Spielbetrieb am 7. September nach sechsmonatiger Unterbrechung zwar wieder aufnehmen, immerhin vor 1100 Besuchern. Aber unter Einschränkungen.

Dazu gehört das Tragen eines Mund-Nasenschutzes, mindestens bis zum Sitzplatz, am besten aber für die Dauer der Vorstellung. Und der Verzicht auf "Buh"- und "Bravo"-Rufe. Darum jedenfalls bittet der neue Staatsoperndirektor Bogdan Roscic das Publikum inständig. Von Beifallsbekundungen also ist Abstand zu nehmen: Das heißt, die Bestie Publikum wird weiter gezähmt. Zu husten und zu niesen traut sich ohnedies keiner mehr in den Theatern und Konzertsälen, seit diese zaghaft wieder öffnen durften. Und wer seine Hände nicht ordentlich desinfiziert hat, will auch nicht kräftig applaudieren.

Es wird ruhig werden vor den Bühnen. Und wenn Künstler wissen wollen, ob es dem Publikum gefallen hat? Dann sollten sie die Kritiker fragen. Angeblich sind die ja immer entgegengesetzter Ansicht.