UNTERM STRICH: Die letzte Bastion der Neugier

Dora Schöls

Von Dora Schöls

Di, 28. Juli 2020

Unterm Strich

Bald kann uns nicht einmal mehr der Briefkasten überraschen / Von Dora Schöls.

Das Leben steckt voller Überraschungen, heißt es. Was für eine schöne Vorstellung, morgens beim Aufwachen nicht zu wissen, was der Tag bringen wird. Tatsächlich berauben wir uns doch aber täglich selbst der vielen kleinen Überraschungen des Alltags: Ein Blick in die Wetter-App genügt, um zu wissen, ob der Regenschirm zuhause bleiben kann. Die Bahn-App verrät uns, wie entspannt der Arbeitsweg wohl wird. Das gibt Planungssicherheit, stimmt schon. Aber niemand freut sich mehr wirklich, wenn die Sonne scheint – man wusste es ja vorher schon.

Eine letzte Bastion der freudigen Neugier ist der Briefkasten. Die Aufregung auf dem Nachhauseweg am Abend: Was uns der oder die nette Briefträgerin heute wohl vorbeigebracht hat? Die befürchtete Rechnung? Die ersehnte Postkarte? Die verhasste Werbung? Wer weiß!

Bald können das 34 Millionen Deutsche zumindest theoretisch wissen. Die Deutsche Post bietet ihren Privatkunden nämlich an, Fotos von den Umschlägen per E-Mail zu verschicken, die im Laufe des Tages im Briefkasten landen werden. Nutzen können das Angebot laut Deutscher Presseagentur all diejenigen, die eine Mail-Adresse der 1&1-Dienste GMX oder Web.de haben. Die Briefe würden bei der automatisierten Verarbeitung ohnehin von Kameras in den Sortieranlagen erfasst, hieß es am Montag bei der Post. Ohne Aufwand ließen sich die Bilder der Kameras also per E-Mail verschicken – natürlich verschlüsselt und datenschutz-konform.

34 Millionen Deutsche können also nun morgens in ihren E-Mails sehen, was sie abends im Briefkasten erwartet. Bald, kein Scherz, sollen sogar die Inhalte der Briefe als digitale Kopie verschickt werden können. Das sind also, genau genommen, normale E-Mails, die dann nochmal per Post verschickt werden. Warum auch immer das sinnvoll sein soll. Jedenfalls ist es damit dann gänzlich vorbei mit den Alltagsüberraschungen. Da will man fast aus Prinzip den Regenschirm zu Hause lassen, gerade wenn es regnen soll.