UNTERM STRICH: Die Rückkehr des Milchmanns

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Di, 28. April 2020

Unterm Strich

In England profitiert ein altes Gewerbe von der Corona-Krise / Von Peter Nonnenmacher.

Früher waren sie ein fester Bestandteil des Lebens auf den Britischen Inseln. Die "Milkmen" tuckerten mit ihren kleinen Gefährten in aller Herrgottsfrühe durch die Straßen, um ihren Kunden die gewünschten Fläschchen vor die Tür zu stellen. Der Service der Milchmänner – Frauen gab es kaum in dieser Branche – war den Briten seit jeher eine liebe Tradition. Noch in den 70er-Jahren erreichte die Milch im Vereinigten Königreich neun von zehn Familien auf diesem Weg.

Doch neue Einkaufsgewohnheiten und billigere Ware in den Supermärkten führten dazu, dass die Runden der Milchlieferanten immer kürzer wurden, das Interesse an der alten Art der Versorgung versiegte. Zuletzt ließen sich keine drei Prozent der Briten mehr mit Milch beliefern.

Aber das war vor dem Ausbruch der Pandemie. Gegenwärtig können sich die "Milkmen" vor Aufträgen nicht retten. Die Angst vor dem Virus hat das Geschäft neu belebt. Und weil die Supermärkte mit ihrem Lieferservice nicht nachkommen, haben sich viele Briten darauf besonnen, dass die altmodischen Milchfläschchen-Lieferanten im Laufe der Jahre ihr Sortiment um Brot, Butter und andere Lebensmittel erweitert haben. Vor allem ältere Bürger und solche ohne Internet-Zugang rufen nun wieder – oft recht verzweifelt – beim Milchmann an. So dramatisch ist die Nachfrage gestiegen, dass überall eilends Auslieferungsschichten verlängert, neue Lieferanten angeheuert und zusätzliche Fahrzeuge in Dienst genommen wurden. Garantien für frische Milch zum Frühstück will allerdings niemand mehr geben. Statt morgens vor sieben kommt die Milch nun "irgendwann im Lauf des Tages" an. "Völlig verrückt geworden" sei die Situation, meinen die lange Jahre vergessenen Milchmänner allerorten. "Milk & More", eine der größten Firmen der Branche, führt inzwischen eine Warteliste. Wer nicht online bestellen und bezahlen kann, der darf weiterhin ganz altmodisch seinen Bestellzettel und sein Geld im fein gesäuberten Fläschchen vom Vortag hinterlassen.