UNTERM STRICH: Ein Sattel, zwei Lager

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Do, 28. April 2022

Unterm Strich

Warum Rennradfahrer mit E-Bikern nicht in Frieden leben können / Von Robert Bergmann.

Ein Spalt tut sich auf in der Gesellschaft. Einer, der Generationen zu zerreißen droht, der – so Experten – schon jetzt so bedrohlich für den sozialen Frieden ist, wie es einst die Motorisierung auf den Straßen war. Die Rede ist von Menschen mit und solchen ohne E-Bike. Nehmen wir mal diesen Fall: Grad noch hat ein mit ehrlicher Beine Arbeit über die Straße fliegender Rennradfahrer einem Elektro-Biker auf flacher Strecke mühelos gezeigt, wie seine muskelbepackten Waden von hinten ausschauen. Nun aber wird er von eben diesem Typen kurz unterhalb des sich vor ihm auftürmenden Gipfels mit einem Extra-Stromstoß aus prallgefülltem Akku federleicht eingeholt. Im Vorüberfahren kann sich der triumphierende E-Biker dann auch noch ein unverschämtes "Ja, dieser Berg wird gerne unterschätzt" nicht verkneifen. Wie können solche Menschen je wieder einander unverkrampft ins Sportlerantlitz schauen?

Noch sind sie ja unterwegs, die Unentwegten, die sich beim Schwitzen das legendäre "Quäl dich, du Sau" in Erinnerung rufen, das Jan Ullrich dereinst von seinem Wasserträger in den Vogesen zu hören bekam, als die Kräfte zu schwinden drohten. Noch lästern altvordere Radsportler über die unaufhörlich wachsende Elektroradlerfront und Mr. und Mrs. 230 Volt im nagelneuen Partnerlook. Tatsächlich sehen diese Neuradler ja auch putzig aus, wenn sie in den wärmer werdenden Frühlingstagen noch dick vermummt in Winterjacken und langen Hosen auf Tour gehen und kaum ins Schwitzen kommen.

All diese aus dem Schmerz geborene Lästerei über die nur scheinbar das gleiche Hobby pflegende Konkurrenz nutzt dem konventionellen Sportradler natürlich nicht. Er findet sich – wie einst Pferd und Kutsche – überholt von der Mobilitätsgeschichte. Kraft tanken kann er nur noch in wenigen Momenten. Dann etwa, wenn dem E-Biker mal in voller Fahrt an der 18-Prozent-Steigung der Saft ausgeht. Und auch diese Glücksmomente werden immer seltener.