UNTERM STRICH: Es geht eine Wolke auf Reisen

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Mi, 18. März 2020

Kolumnen (Sonstige)

Warum Dialekt heute auch gesundheitspolitisch eine Rolle spielt / Von Stefan Hupka.

In dieser dynamischen Lage kommt manches nur tröpfchenweise heraus. Etwa, dass die Dynamik der Lage auch davon abhängt, wie wir miteinander reden – und in welcher Mundart. Auf seine war das stolze Volk der Schweizer schon immer stolz. Nun ist Schwyzerdütsch kein Sprachfehler, sondern Staatssprache; darüber billige Witze zu machen, schickt sich nicht, "Halskrankheit" und so. Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen Hals und Krankheit, und ausgerechnet ein Schweizer versucht, seinen Landsleuten das jetzt klarzumachen.

Je gutturaler man spricht, desto mehr Corona kommt aus der Kehle, sagte Beda Stadler der Aargauer Zeitung. Der 69-Jährige aus dem Wallis ist Immunologe an der Universität Bern. Kehllaute, sagt er, mobilisieren viele Tröpfchen, die können das Gegenüber infizieren, wenn es nicht in Deckung geht. Und an Kehllauten hat das Schweizerische einige, vom Fränkchli bis zum Chuchichäschtli. Jedesmal, wenn sich dann das Zäpfchen hinten im Rachen mit der Zunge zu einem ch trifft, geht vorn eine Virenwolke auf Reisen.

Ist das die Rach(!)e der kleinen Schweiz an der großen weiten Welt? Moment. Erstens gibt das die Statistik gar nicht her. Wir sagen nur China, China, China. Oder Italien. Auch dürfte es dann in Berlin gar keine Infizierten geben, wo man "Wat weeß ick, wo dat herkommt" noch mit zusammengebissenen Zähnen herausbringt. Und schließlich haben auch andere Ethnien ihre Kehllaute, wir hier in Südbaden, aber auch die Bayern.

Deren Bund Bairische Sprache hat in Reaktion auf Stadler das getan, was er gern tun: mit dem Finger nach Norden zeigen, nach Hannover, wo man angeblich sauberstes Hochdeutsch spricht. Er zitiert einen gewissen Gerhard Schröder mit dem Satz: "Das war kein feiner Zuch der Opposition und ein schlechter Tach für die Demokratie, sach ich ma ..." Und in der Tat, der Mann war auf seine Art damals, vor zwanzig Jahren, so ansteckend, dass es immerhin für zwei Bundestagswahlen gereicht hat.