UNTERM STRICH: Hightech am Rande der Welt

Annika Sindlinger

Von Annika Sindlinger

Sa, 09. Januar 2021

Unterm Strich

Die Shetlandinseln könnten einen Weltraumbahnhof bekommen / Von Annika Sindlinger.

Einst ließen sich hier Wikinger nieder, vor Corona genossen Touristen abseits des Trubels im nördlichsten Tea-Room Großbritanniens Club-Sandwiches mit Cheddar. Die schottische Insel Unst ist die Heimat der zotteligen Shetlandponys, im Sommer wunderschön, im Winter sturmumtost. Das rund 120 Quadratkilometer große Eiland lockt nicht nur Vogelbeobachter, sondern soll auch der Standort für ein ungewöhnliches Projekt sein: Ginge es nach Frank Sprang, könnten hier bald Raketen ins All geschossen werden.

Dem ehemaligen Air-Force-Piloten gehört neben der einzigen Gin-Destillerie der Shetlands auch das künftige "Shetland Space Center". Von dort sollen im Herbst die ersten Satelliten in Richtung Norden starten und über dem Pol das All erreichen. Perfekt, dass nördlich nur noch einsames Meer kommt. Eine Studie der Raumfahrtbehörde kürte Unst daher zum besten Standort des Königreichs.

Es wäre der erste Weltraumbahnhof auf kontinentaleuropäischem Boden außerhalb Russlands. Deutsche, französische und US-Firmen sind dabei sowie Schottlands größter Landbesitzer – ein dänischer Milliardär.

Die Royal Air Force errichtete im Zweiten Weltkrieg bereits die Radarstation Saxa Vord auf Unst. Heute erinnern nur Ruinen an die Anlage, die vor deutschen Bombern und später vor sowjetischen Fliegern warnte. 2006 kaufte Sprang das verwaiste Land. Lange hatten Schafe die Einöde für sich, nun könnten Bagger anrücken, gefolgt von Raumfahrtingenieuren. Hightech am Rande der Welt. Konkurrenz bekommt Sprang aber durch ein ähnliches Projekt auf dem schottischen Festland, auf der Halbinsel A’Mhoine.

Gerade der Brexit bestärkte den Wunsch der Briten, ganz vorne dabei zu sein beim Rennen um den Weltraum. Sind die Schotten mit ihren Unabhängigkeitsbestrebungen erfolgreich, verlieren die Briten aber auch wieder ihren Zugang zum All – egal, an welchem der beiden Standorte der Bahnhof entsteht. Sollte es ihn bis dahin geben.