UNTERM STRICH: Ist das jetzt schon der Kulxit?

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 07. März 2017

Kolumnen (Sonstige)

Jeder fünfte Brite kann keinen Schriftstellernamen nennen / Von Alexander Dick.

Das ist der Klassiker in Sachen Stresshormone. Wir flanieren ganz friedlich durch die Fußgängerzone. Plötzlich springt uns einer entgegen, hält uns das Mikrofon vor Mund und Nase und fordert uns auf, ihm in fünf Sekunden einen Schriftsteller zu nennen. Was würden wir denn da vor lauter Aufregung sagen? Am besten erst mal Zeit gewinnen: Wie war die Frage nochmal? Oder, besser: Wie definieren Sie jetzt Schriftsteller genau? Und, nicht zu vergessen, die Genderproblematik: Wirklich nur Schriftsteller? Warum nicht Schriftstellerinnen? Da regt mich doch schon der Duktus der Frage auf...

So ist es wohl den Briten ergangen, von denen laut Royal Society of Literature jeder Fünfte mit gar keinem Namen aufwarten konnte. Nicht einmal Rosamunde Pilcher. Dabei befindet sich deren Schreibfabrik doch auf der Insel, oder? Jetzt kursiert diese Umfrage also in den Netzwerken, und die Häme ist vorauszusehen. Schaut auf dieses Volk: erst der Brexit, und jetzt auch noch der Kulxit. Zumal fünfzehn Prozent der Befragten auch noch insistierten: Literature is too difficult to understand. Nun, es mag ja für Joyce, Beckett oder Yeats zutreffen, dass sie schwer zu verstehen sind. Aber, bitte: Das waren doch Iren. Sind denn die gedruckten Pottereien von Joanne K. Rowling – waschechte Engländerin, mit Verlaub – wirklich so komplex?

Nicht so negativ bitte. Wenn wir das Problem nämlich von der anderen Seite betrachten, so dürfen wir erkennen, dass vier von fünf Briten binnen fünf Sekunden einen Schriftstellernamen parat haben – selbst wenn sie von der ehrenwerten Königlichen Gesellschaft für Literatur mit dem Mikrofon in der Fußgängerzone überrascht werden. Und dass immerhin 85 Prozent der befragten Insulaner Literatur als nicht zu schwer verständlich empfinden. Ob es sich da nun um Rosamunde Pilcher oder Jane Austen handelt, sei dahingestellt. Um es also mal ganz pauschal zu sagen: Ein Großteil der Briten liest noch. Was, wissen wir nicht. Hoffentlich die Brexit-Gesetzentwürfe – kritisch.