UNTERM STRICH: Jeder spielt für sich allein

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 19. März 2020

Unterm Strich

Was es heißt, wenn im Moment die Nutzerzahlen von Games steigen / Von Alexander Dick.

Gute Nachrichten in diesen Zeiten sind (fast) wie ein Sechser im Lotto. Andererseits: Was ist eigentlich eine gute Nachricht? Wenn die Nutzerzahlen von mobilen Games bis 2024 um 17,2 Prozent auf mutmaßlich 1,7 Milliarden Menschen ansteigen, wie die Nachrichtenplattform Kryptoszene.de mitgeteilt hat – sind das good news? Oder wenn, wie es weiter heißt, die Werte von Gaming-Aktien an der Börse weniger an Punkten einbüßten als andere?

Für die Spielebranche und die jeweiligen Anleger – klar. Aber für die Gesellschaft? Für die Gesellschaft in Zeiten von Corona scheint es ja Vorbildcharakter zu haben. Menschen, die isoliert von anderen Menschen zu Hause vor dem Bildschirm sitzen und mit wieder anderen Menschen, die sie oft nur unter ihrem User- oder Spielernamen kennen, bis in die Puppen (was immer das eigentlich heißt) spielen, sind die Helden der Stunde. Denn noch scheint das Covid-19-Virus gänzlich unvirtuell zu sein und findet somit keinen Weg der Verbreitung über das Netz. Die Games-Spieler und Nerds sind also Musterknaben und -mädels innerhalb einer Krisengesellschaft, die ihre (leiblichen) sozialen Kontakte auf ein Minimum begrenzen soll. Wobei eine Zahl ganz aufschlussreich ist: 37 Prozent, also nur ein gutes Drittel der Gamer, so Kryptoszene, sei weiblich. Gäbe es Corona nicht, hätten wir jetzt den Frauen applaudiert. Oder sollten wir es trotzdem tun?

Der gute alte Schiller schätzte die Spieler. Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, urteilte der Dichter in seiner "Ästhetischen Erziehung". Allerdings kannte er weder das World Wide Web noch das Coronavirus. Das Leben im ausgehenden 18. Jahrhundert war so schon problematisch genug. Schiller ging es beim Spielen um Schönheit – nur mit der solle der Mensch spielen. Womit wir jetzt zwei Fragen haben: Was ist eine gute Nachricht und – was ist Schönheit? Fürs erste nur so viel: eine recht relative Angelegenheit. Näheres dazu findet man bei Kryptoszene. Oder bei Schiller.