UNTERM STRICH: Lernen von Winnetou?

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Do, 02. April 2020

Unterm Strich

Was uns Karl May in Sachen Corona zu sagen hat / Von Niklas Arnegger.

In diesen Tagen, da Händeschütteln verboten ist (vom Bussi-Bussi zu schweigen), schlagen Grußexperten übertragungsarme Grußformen vor. Man könne die Hand aufs Herz zu legen. Plus Verbeugung. Bekannt ist dies aus der arabischen Welt, wo sich – vorbildlich! – Frauen und Männer nicht berühren dürfen. Ähnlich der Namaste-Gruß, bei dem die Handflächen vor der Brust zusammengelegt werden. Meister des Ebola-Grußes ist Jens Spahn mit seinem aus der Tagesschau bekannten Ellbogentanz. Auch wird das Hochziehen der Augenbrauen empfohlen. Schon im Volkslied "Wenn alle Brünnlein fließen" verläuft die Chose nach den Empfehlungen des Robert-Bosch-Instituts: "Ja, winken mit den Äugelein und treten auf den Fuß." Ein vergleichbares Verfahren gelangt beim "Wuhan-Shake" zur Anwendung. Dabei berühren sich die Füße. Der Faustgruß ("Fist Bump"), unter (spät-)pubertierenden Machos schon vor Corona beliebt, verläuft ebenfalls übertragungsarm.

Endlich hat sich nun auch der Karl-May-Verlag zu Wort gemeldet. Er empfiehlt den Winnetou-Gruß. Tatsächlich grüßt Winnetou seinen Old Shatterhand, indem er den rechten Arm mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger zum Herzen hin ausstreckt. Und retour. Gut, sieht schwer indianisch aus. Doch leider verfährt "der Apatsche" so nur im Film, und auch da eher beim Abschied. Zum Beispiel – Schluchz! – als letzten Gruß an seine bald darauf verblichene Schwester Nscho-tschi. Auch gibt es ab und zu sogar einen Handschlag unter den Blutsbrüdern. Aber nur im Film.

Und in den Büchern? Was ergibt die historisch-kritische Überprüfung des Originals? Ehrfürchtig greifen wir zu Winnetou, Band zwei. Und lesen über die Begrüßungszeremonie der Freunde: "Wir umarmten uns." Und in Winnetou drei: "Er ließ den Arm sinken, und sein dunkles Auge leuchtete hell auf. ,Shar-lih!' (…) Dann schlang er die Arme um mich und drückte mich an sich." Tja, dann in Zeiten von Corona doch lieber Hände schütteln.