UNTERM STRICH: Modische Verachtung für das Virus

Knut Krohn

Von Knut Krohn

Mo, 13. Juli 2020

Unterm Strich

Warum in Frankreich keiner die deutsche Masken-Diskussion versteht / Von Knut Krohn.

Frankreich trägt Maske. Nicht gerne, meist etwas widerwillig, aber fast jeder zieht sich das Teil in Geschäften, Bussen und Bahnen über Mund und Nase. Auffällig ist, dass in der Modehauptstadt Paris dieser leidige Fetzen Stoff nicht längst als schickes Accessoire entdeckt worden ist. Es herrscht der biedere Einheitslook. Selbst die Dame von Welt trägt zu ihrem teuren Kostüm beim Shoppen keine Designermaske, sondern die hässliche Mediziner-Ausführung in blassblau oder undefinierbarem Grün. Fast scheint es, als wolle die Pariser Oberklasse auf subtile Weise dem Virus ihre gesammelte Verachtung ins Gesicht schleudern. Madame hält das Virus für eine "quantité négligeable", eine Nebensächlichkeit, die sich wie ein ungebetener Gast in ihr Leben gedrängt hat. Aus diesem Grund ist sie nicht gewillt, auch nur einen einzigen Gedanken an die Überlegung zu verschwenden, wie sie diesem hinterhältigen Wicht modisch entgegentreten könnte.

Wirklich hippe Masken tragen in Paris vor allem die Touristen. Bisweilen dringt auch vernuscheltes Deutsch unter dem kunstvoll genähten Stück Stoff hervor. Die Franzosen fragen sich verwundert, ob ihnen ihre teutonischen Nachbarn inzwischen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch modisch den Rang ablaufen wollen. Doch dann lassen sie sich staunend erklären, dass auf der anderen Seite des Rheines ein ideologisch aufgeladener Kampf um das Tragen von Corona-Masken ausgebrochen ist. Ja, heißt es dann von französischer Seite zustimmend, die Dinger sind hässlich und lästig – aber dies zu einer Frage der persönlichen Freiheit hochzustilisieren? Das versteht kein Mensch in Frankreich. Dann schütteln die Zuhörer in dem kleinen Bistro in Paris mit jener nachlässig wirkenden Nonchalance den Kopf, um die sie die etwas kantigen Deutschen schon immer beneidet haben. Die Franzosen tragen zwar die Revolution in ihren Herzen, sie wissen aber auch, wann man den unabänderlichen Nebensächlichkeiten des Lebens milde lächelnd ihren Lauf lassen muss.