UNTERM STRICH: Post aus Timbuktu

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Fr, 17. Juli 2020

Unterm Strich

Arbeitslose Reiseführer aus Mali verfassen Grüße auf Bestellung / Von Frauke Wolter.

Haben auch Sie einen Sehnsuchtsort? Eine romantische Ecke in einer Stadt, einen ganz bestimmten Strand, den Blick von einem Berggipfel aus – Momente, an die Sie sich gerne erinnern? Oder gibt es einen Ort, den Sie unbedingt einmal sehen wollten, aber bislang nicht erreichen konnten? Manchmal fehlt das Geld, dorthin zu reisen, dann die Zeit. Manchmal brechen gar Unruhen aus an diesen Orten oder das Wetter spielt verrückt. Und jetzt tobt auch noch das Coronavirus.

Nein, die Zeiten sind gerade schlecht für Sehnsuchtsorte. Außer man bekommt Post. Zum Beispiel aus Timbuktu.

Schon allein das Wort hat einen Zauber: Tim-buk-tu. Was der Name bedeutet ist ein bisschen umstritten. Die einen meinen man könne ihn mit "der weit entfernte Brunnen" übersetzen, andere sprechen vom "Ort in den Dünen". Egal, schließen Sie die Augen und stellen sich vor: Saharasand soweit das Auge reicht, kunstvolle Lehmbauten, der Duft von Pfefferminztee. Timbuktu liegt in Mali und war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Zentrum des Handels; 400 Kamelkarawanen passierten den Ort pro Jahr. Vor einigen Jahren fielen Islamisten ein und zerstörten wertvolle Kulturgüter, bis eine französische Interventionsgruppe sie vertrieb und in der Folge auch die Touristen.

Zurück blieben unter anderem arbeitslose Reiseführer. Sie schreiben seit einiger Zeit schon auf Bestellung und grüßen herzlich aus der Sahara. Zehn Dollar kostet eine Postkarte mit dem Konterfei Timbuktus (Motiv per Internet frei wählbar), sechs verbleiben nach Abzug der Unkosten bei dem Schreiber, der so seine Familie ernähren kann. Der Postmann von Timbuktu bringe die Karten mit dem Moped an den Flughafen, berichtete der Reiseführer Ali Nialy kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, von dort aus starte täglich ein Flug der UN-Truppen in Malis Hauptstadt Bamako. Ein bis zwei Wochen und die Grüße liegen im Postkasten – auf Englisch, Deutsch oder Französisch. Viel Aufwand für eine läppische Karte? Vielleicht. Sehnsüchte sind selten rational.