UNTERM STRICH: Satanische Versle

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 04. März 2021

Unterm Strich

In Zypern streitet man heftig um den ESC-Song "El Diablo" / Von Alexander Dick.

Er sei "ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft", erklärt Goethes Mephisto dem Dr. Faust in "Der Tragödie Erster Teil". Das ist eine sehr abwägende Sicht auf den Teufel, den Diá-bolos, dessen griechischer Name auf dem Verb "durcheinanderwerfen" basiert. Was laut Duden so viel meint wie "entzweien, verfeinden, verleumden".

Abwägen ist, so scheint es, im digitalen Zeitalter eine aussterbende Disziplin. Durcheinanderwerfen dagegen ist in. Wobei man im Falle des zyprischen Beitrags zum Eurovision Song Contest (ESC) 2021, "El Diablo", letzten Endes gar nicht genau sagen kann, wer denn nun der mephistophelische Geist ist, "der stets verneint". Die Macher des Songs und seine Interpretin Elena Tsagrinou? Oder all jene, die in ihrer Kritik an dem "skandalösen" Stück so weit gehen, dass sie drohten, natürlich anonym, die zyprische Rundfunkanstalt niederzubrennen?

So weit geht die orthodoxe Kirche natürlich nicht. Aber immerhin hat sie die Regierung des Landes jetzt aufgefordert, den Song zurückzuziehen. Dem Ansinnen will der Präsident laut einem Regierungssprecher nicht nachkommen. Aber immerhin haben, Stand gestern, bereits mehr als 16 000 Menschen eine Petition gegen "El Diablo" unterzeichnet.

Warum? Weil sie finden, hier werde eine lebenslange Hingabe zum Satan propagiert. Indem die Protagonistin im Song dem Teufel ihr Herz schenkt, nachdem er – der bekanntlich selbst ein gefallener Engel ist – ihr signalisiert hat, sie sei sein Engel: "It’s Heaven in Hell with you". Dabei, so die Verteidiger des Songs, enden die satanischen Versle um den Kampf des Guten mit dem Bösen mit der Freiheit der Frau. Soso.

Die Kunst hat schon andere Debatten erlebt. Und ob es sich um Kunst handelt, diskutieren wir lieber nicht, sondern verweisen abermals auf Goethes Mephisto, wenn der sagt: "Denn alles was entsteht,/ Ist wert, dass es zugrunde geht". Mit Blick auf die meisten ESC-Beiträge aller Zeiten ist das eine zutreffende Einsicht.