UNTERM STRICH: Sellerie an der Schnellstraße

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Mo, 26. Oktober 2020

Unterm Strich

Die Sache mit dem Trostkochen in der Pandemie gerät außer Kontrolle / Von Katja Bauer.

Die "neue Normalität" macht eine Menge mit uns. Zu den unterschätzten Phänomenen der Pandemie gehört der soziokulinarische Gruppendruck. Es ist seltsam: Zu Beginn des Lockdowns im Frühjahr haben wir zwar weniger Menschen denn je bewirtet, aber das Kochen war eine Mischung aus handfester Beschäftigung und essbarem Glück in komplizierter Zeit.

Die Sache ist leider etwas außer Kontrolle geraten. Ungefähr 95 Prozent der Menschen, mit denen ich auf Instagram verknüpft bin, können vermutlich inzwischen das Rezept von Yotam Ottolenghi für Kichererbsensalat nachts um drei volltrunken auswendig hersagen. Die restlichen fünf Prozent haben schon mal eine Sellerieknolle drei Stunden geschmort und niemandem verraten, dass das Gericht nicht nur aussieht wie ein trauriger Schneemann nach vier Wochen an der Schnellstraße, sondern dass es insgesamt unnötig ist. Dann gibt es noch diese unglaublich nervigen Pedanten, die ihre eigene Version der 17-bödigen Herrentorte danach beurteilen, ob wirklich jede Schicht exakt zwei Millimeter misst. Natürlich tut sie es.

Am anderen Ende der Backszene, in der Brotcommunity, wird gedehnt und gefaltet, die Leute reden über Autolyse und Stückgare, und sie haben überhaupt in einem halben Jahr so viele neue Vokabeln gelernt wie in ihrer ganzen Schulzeit nicht. Hier in Berlin im Prenzlauer Berg tragen inzwischen sogar die selbstkultivierten Sauerteige mehrere Vornamen. Wenn Carlotta Iphigenie mal nicht so richtig blubbern will, spricht man in Ruhe mit ihr oder legt sie ins Tragetuch und geht einmal um den Block.

Wo soll das enden? Ganz normale Stadtmenschen haben auf einmal ihre eigenen Holzöfen, Gärkisten, Konditormesser und halben Rinder auf irgendwelchen Weiden. Demnächst werden Leute damit beginnen, Hauben und Sterne an ihre Türschilder zu kleben. Nur leider, ohne dass man zum Essen vorbeikommen kann. Es wird Zeit, dass die Pandemie sich verzieht.