UNTERM STRICH: Virtuelle Lobhudelei

Stefan Ammann

Von Stefan Ammann

Do, 27. August 2020

Unterm Strich

In der Schweiz soll eine Schulterklopfmaschine in Betrieb gehen / Von Stefan Ammann.

"Nicht geschimpft ist gelobt genug", lautet eine bekannte schwäbische Lebensweisheit. So sagt der Chef lieber erstmal nichts, wenn das wichtige Projekt gut gelungen ist. Ein Lob könnte den Mitarbeitern ja zu Kopfe steigen und am Ende gar zu ausufernden Gehaltsforderungen führen. Auch manch ein Gatte hüllt sich in nobles Schweigen, wenn ihm seine Gattin ein besonders schönes Abendessen auf den Tisch gezaubert hat. Dafür verräumt sie dann stoisch-still die von ihm mitgebrachten Blumen in einer Vase.

Das Ergebnis: Unlust und Frust auf allen Seiten. Unzählige Menschen sehnen sich nach zwei einfachen Worten: "Gut gemacht." Weil das unausgesprochene Lob offenbar nicht nur eine exklusiv-schwäbische Unsitte ist, hat sich die Schweizer Gemeinde Mettauertal jetzt eine pfiffige Idee einfallen lassen. Dort soll in einer alten Telefonzelle bald die "erste Schulterklopfmaschine der Schweiz" ihren Betrieb aufnehmen, berichtet die Aargauer Zeitung.

Das soll folgendermaßen funktionieren: Der lobeshungrige Besucher erzählt dem Gerät, was er seiner Meinung nach so richtig toll gemacht hat. Für Wortkarge gibt es eine vorgefertigte Liste zum Auswählen. Dann wird ihm auf einem Monitor eine kleine Filmszene gezeigt, in der beispielsweise ein Orchester unter Konfetti-Regen spielt. Am Ende sprechen die Musiker ein dickes Lob aus. Ein "verdientes und ehrlich gemeintes Dankeschön" verspricht die Crowdfunding-Website des Projekts. Obendrauf gibt es dann noch einen Gutschein für eine Kleinigkeit.

Eine clevere touristische PR-Aktion ist die eidgenössische Gut-gemacht-Maschine allemal. Aber werden tatsächlich bald Heerscharen von Badenern und Schwaben über den Rhein ins Aargau pilgern, um sich von einem Computer sagen zu lassen, dass sie irgendetwas richtig gut gemacht haben? Da darf man skeptisch sein. Denn ehrlich gemeinte Worte der Anerkennung und ein echtes menschliches Schulterklopfen kann die virtuelle Lobhudelei nicht ersetzen.