UNTERM STRICH: Von Ziegen lernen

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Di, 12. Januar 2021

Unterm Strich

Nicht allein der Hunger treibt Tiere an, sondern auch die Neugier / Von Franz Schmider.

Wenn Menschen das Verhalten von Tieren beobachten, dann tun sie das meist, um sich selbst zu erforschen. Denn alles, was man sieht, wird in Beziehung gesetzt zum menschlichen Verhalten. Und immer schon hat der Mensch Tiere mit Attributen aus seinem Alltag bedacht. Die Schlange ist falsch, der Fuchs schlau, der Wolf gerissen, die Biene fleißig, der Pfau eitel und der Elefant gutmütig. Und die Ziege? Gilt nicht als besonders hell, eher leichtgläubig, in ihrer maskulinen Form ist sie zudem stur und man sollte sie auf keinen Fall mit Gartenarbeiten betrauen.

Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz haben der Ziege jetzt mal ein bisschen genauer auf die Hörner und aufs Maul geschaut und darüber im Magazin Scientific Reports berichtet. Geforscht wurde mit zwei Gruppen von Ziegen, einmal Milch- und einmal Zwergziegen.

Das Experiment nennt sich "Contrafreeloading" und kommt in Abwandlungen in der Verhaltensforschung immer wieder zum Einsatz. Man bietet den Tieren eine Belohnung an und stellt sie vor die Wahl: Nimmt dein Leckerli anstrengungslos und das war’s, oder wähle den Weg, zunächst ein Hindernis zu überwinden. Neudeutsch: Suchst du die Challenge? In diesem Fall sollten die Ziegen mit der Schnauze eine Schiebetür bewegen, den zweiten Raum betreten, ihn erkunden und dort ihre Belohnung finden. Anfangs siegte der Hunger. Die Ziegen ließen die Tür Tür sein und krallten sich ohne Anstrengung das Leckerli. Aber dann entdecken die Ziegen den Reiz, der darin besteht, sich für eine Anstrengung zu belohnen. Das heißt: Früher oder später probieren es vor allem die Milchziegen mal an der Tür, es siegt die Neugier.

Und welchen Rückschluss ziehen wir Menschen aus der Tierbeobachtung? Auf dem Weg zu neuen Einsichten ("Ich bleib doch nicht blöd") warten meist Hindernisse, neue Erkenntnisse verlangen uns gewisse Anstrengungen ab. Umso befriedigender das Gefühl, wenn einem ein Licht aufgeht. Und wenn das sogar die Ziegen erkennen...