UNTERM STRICH: Wieder sorglos schreien

Felix Lill

Von Felix Lill

Mo, 24. August 2020

Unterm Strich

Japans Karaokebetreiber arbeiten an coronakonformer Technik / Von Felix Lill.

Wenn in Japan jemand niest, fliegen in der Regel kaum Viren durch die Luft. Das war schon vor Corona so. Wer erkältet ist, trägt traditionell Mundschutz. Dies dürfte ein Grund dafür sein, warum Japan in der Corona-Pandemie lange vergleichsweise niedrige Infektionszahlen hatte. Doch seit dort das Nachtleben wieder erwacht ist, häufen sich die Ansteckungen. Ein Großteil geht wohl auf eine kulturelle Errungenschaft zurück: das Karaokesingen.

In schlecht gelüfteten Kabinen der Karaokebars von meist kaum acht Quadratmetern tummeln sich Gruppen von an die zehn Personen. Und weil man durch eine Gesichtsmaske kaum einen sauberen Ton ins Mikrofon bringt, wird die ansonsten etablierte Höflichkeitsregel des Maskentragens beim Karaoke gern ignoriert.

Nun soll Hightech Abhilfe schaffen. Ein Upgrade soll die Soundanlagen mit der Fähigkeit ausstatten, die Stimmen der Singenden trotz eines Mundschutzes unverzerrt aufzunehmen. Soundmaschinenhersteller Joysound erklärt: Der "mask effect", der in die Mikrofone integriert ist, erhöhe die Klangsensibilität des Mikrofons und verstärke den Schalldruck. Im Gegensatz zum bloßen Hochregeln der Mikrofonlautstärke werde so der Ton klarer. Vor allem mittlere und hohe Töne profitierten; diese würden ansonsten durch den Mund-Nasen-Schutz besonders verzerrt. Man müsse dann nicht mehr so schreien. Um bei den in die handelsüblichen Karaokeprogramme eingebauten Bewertungssysteme hohe Punktzahlen zu erhalten, musste man bisher vor allem den Refrain laut und kräftig singen. Nun fliegen weniger Partikel durch die Luft.

Motockney Nuquee, Bluesmusiker aus Tokio, hat es getestet, fühlt sich aber um den Spaß gebracht: "Mit Maske zu singen ist kein richtiges Karaoke mehr."

Ihm könnte ein anderer Lösungsansatz helfen – ganz ohne Hightech. Karaokebarbetreiber Manekineko hat um die Mikrofone einen Plastik-Schutzschild gebaut, das Tröpfchen auffängt. Den sollte man möglichst häufig wechseln. Damit eins wieder möglich ist: sorgloses Schreien.