Unterrichten auf einem "brodelnden Vulkan"

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Do, 15. Oktober 2020

Kreis Emmendingen

Bei einer SPD-Veranstaltung zur Bildungspolitik äußerten Eltern, Schüler und Lehrer Kritik am Krisenmanagement des Ministeriums.

. Zu einer Diskussion über die Lage an den Schulen und die Entwicklung neuer Perspektiven in der Bildungspolitik luden die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle, der SPD-Landesvorsitzende und ehemalige Kultusminister Andreas Stoch und die Kreis-SPD in Kollnau ein. Vertreter von Eltern, Schülern und Lehrerschaft äußerten deutliche Kritik, nicht nur am Krisenmanagement des Kultusministeriums.

"Ich habe das Gefühl, ich unterrichte auf einem brodelnden Vulkan", brachte Viviane Sigg, Lehrerin an der Emil-Dörle-Schule in Herbolzheim und auf dem Podium Vertreterin der Pädagogen, ihre derzeitige Lage auf den Punkt. "Ständig kann sich von heute auf morgen alles ändern, und von oben kommt gefühlt keine Hilfe an", legte sie nach.

Von heute auf morgen hätten die Schulen bei unklaren Vorgaben selbst ihre Konzepte entwickeln müssen, fasste Andreas Stoch das Krisenmanagement des Kultusministeriums zusammen. Dazu traf die Krise auf eine Schullandschaft, die bereits von Personalmangel geprägt war. Diese Situation habe sich durch die Pandemie noch einmal verschärft, bereits jetzt zu Beginn des neuen Schuljahrs sehe er eine bedrohliche Dauerüberlastung.

Allein gelassen fühlten sich aber auch die Eltern und Schüler, wie Gesamtelternbeirätin Sandra Hans oder Johann Krämer, Vorsitzender des Schülerrats (beide aus Freiburg) deutlich machten. Die Situation sei unübersichtlich und völlig heterogen, beklagte etwa Hans. Selbst innerhalb einer Schule gebe es große Unterschiede. Vielen Eltern hätte während des Lockdowns vor allem das Feedback gefehlt. Zwar habe es regelmäßige Arbeitsaufträge für die Kinder gegeben, "aber Digitalunterricht besteht nicht im Ausfüllen von Arbeitsblättern", so Hans. Dazu fehlten in vielen Familien die digitalen Endgeräte.

Das Problem der sozialen Ungleichheit habe sich in Corona wesentlich verschärft, äußerten Veranstaltungsbesucher. Monika Leibinger vom Emmendinger Berufsschulzentrum berichtete etwa von Schülerinnen, die ohne eigenen Computer ihre Aufgaben im öffentlichen Raum "am Handy, wo es freies WLAN gab", erledigen mussten. Beklagt wurde auch der Mangel an Schulsozialarbeitern und -psychologen, um die Erfahrungen der vergangenen Monate aufzuarbeiten. Johann Krämer sah sogar eine Elitenförderung. Es gehe nur um Gymnasiasten, das sei ein Armutszeugnis. Diesen Eindruck bestätigte Leibinger. In die Berufsschule kämen Schüler aus allen umliegenden Landkreisen. Viele Betriebe hätten aber gar keine Regeln: Oft habe man Auszubildende einfach am entfallenen Schultag arbeiten lassen und das Lernen ihnen überlassen. In zweieinhalb Wochen beginnen Prüfungen. Anträge, den Schülern einen Teil des Stoffes zu erlassen, seien im Kultusministerium bislang ohne Reaktion geblieben.

Große Defizite herrschten auch im Bereich der frühkindlichen Bildung, der Kindergärten und Grundschulen, bemängelte eine Vertreterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ein Lehrer-Schüler-Schlüssel von 1 zu 28 sei in dieser prägenden Schulzeit ein Armutszeugnis. Auf die besondere Situation an Fachschulen wies ein Lehrer aus Freiburg hin. Hier seien zwei Ministerien zuständig, das Kultus- und das Sozialministerium. Deren Corona-Regelungen würden sich öfter widersprechen. Alle schulinternen Bemühungen würden zudem durch teils chaotische Verhältnisse in Schulbussen konterkariert, beklagten Eltern.

Deutlich kritisiert wurde das Vorgehen bei der Digitalisierung. Lediglich 0,6 Prozent der Mittel aus dem Digitalpakt seien bislang nach Baden-Württemberg geflossen, erklärte Stoch. Dass engagierte Lehrer sich um die IT-Infrastruktur kümmern müssten, da es an den Schulen kein entsprechendes Fachpersonal gebe, stieß auf allgemeines Unverständnis. Hier müsse das Land die Finanzierung übernehmen. Am Emmendinger Berufsschulzentrum müssten inzwischen 500 Endgeräte verwaltet werden, sagte Monika Leibinger. Das sei kaum zu bewältigen. In keinem Betrieb überlasse man das einem Fachfremden. Zumal es seit Jahren keine verbindlichen Fortbildungen für die Lehrer gebe, ergänzte Viviane Sigg. Dazu seien viele Fragen des Datenschutzes nicht geklärt. Lehrer müssten etwa ihre Aufgaben mit Privatgeräten erledigen, was höchst problematisch sei.