Verkehrte, düstere Welt

Simon Langemann

Von Simon Langemann

Di, 19. März 2019

Rock & Pop

Der Name ein Witz, die Band ein Quasi-Soloprojekt: Die Heiterkeit im Freiburger Slow Club.

Sie beginnen ihr Konzert im Freiburger Slow Club mit drei neuen Stücken – und danach ist klar: So opulent wie auf dem jüngst veröffentlichten vierten Album "Was passiert ist" klangen Die Heiterkeit noch nie. Schon auf ihrem gefeierten Epos "Pop & Tod I+II" von 2016 wandte sich die einstige Hamburger Indie-Rock-Band dem düster-atmosphärischen Pop zu, dem Chöre wichtiger sind als Gitarrenakkorde. Im Titelsong ihrer neuen Platte sind nun orchestrale Keyboard-Flächen die Grundlage. Bei "Die Linien im Sand" ist es ein leidenschaftlich anschwellendes Piano. Und "Das Wort" mutet mit seinem unbeirrt nach vorne preschenden Schlagzeug und den antiquierten Synthesizer-Sounds wie ein Dark-Wave-Stück aus den 1980ern an.

Verlässt Sängerin Stella Sommer ihren Platz am Stagepiano am Bühnenrand, um sich die Gitarre umzuhängen, tut sie es in der Regel für ein älteres Stück. Doch selbst wenn Die Heiterkeit "Für den nächstbesten Dandy" spielen – so etwas wie den Hit ihrer ersten Platte "Herz aus Gold" von 2012 –, ist kein Deut mehr übrig von der betont lässigen, wenn nicht sogar nachlässigen Schrammeligkeit jener frühen Tage. Im Grunde klingen sie nicht mehr wie dieselbe Band. Und genau genommen sind sie das ja auch nicht. Von den Originalmitgliedern ist nur Stella Sommer übrig geblieben. Das galt zwar schon für die "Pop & Tod"-Besetzung – doch auch die ist mittlerweile schon wieder Geschichte.

Im vergangenen Jahr nahm Sommer unter ihrem eigenen Namen dann ihr erstes englischsprachiges Album auf. Nun hat sie mit dem überwiegend selbst eingespielten "Was passiert ist" auch Die Heiterkeit zum Quasi-Soloprojekt umfunktioniert. Auf der dazugehörigen Tour begleitet sie eine neue, dreiköpfige Liveband, die ihre unverkennbare, sonore Alt-Stimme gemessen umrahmt. In manchen Momenten scheint man der Gruppe bei einer öffentlichen Probe zuzusehen: Wenn Schlagzeuger Jannis Kleiß – der wie auch Bassist Leo Hilsheimer bei der schwäbischen Indie-Pop-Combo Walls & Birds spielt – seine Schnitzer mit einem Grinsen quittiert, ist das eine willkommene Abwechslung zur sonst so stoischen Performance der Band.

Erst nach einer guten Stunde richtet Stella Sommer erstmals das Wort ans Publikum, um das nahende Ende des Auftritts anzukündigen. Ansonsten spielen Die Heiterkeit unbeirrt ihr Programm herunter. Mitreißend ist das nicht. Die unterkühlte Art passt aber zum düsteren textlichen Grundtenor der Band, deren Name natürlich ein Witz ist. Und das Schweigen zwischen den Stücken lädt zugleich dazu ein, sich im warmen Sound der Musik zu verlieren.

Auch temporeiche Rausschmeißer sind nicht ihre Sache: Die Heiterkeit verabschieden sich denkbar atypisch mit den ruhigsten Songs ihrer Diskografie. Das "Pop & Tod"-Eröffnungslied "Die Kälte" rückt Stella Sommer mit dezenter Orgel-Begleitung noch weiter in den Mittelpunkt als sonst – und lässt die Stimmung im verrauchten Slow Club nochmal gefrieren: "Das Blut hört auf zu fließen, die Kälte kommt in Strömen, in Flüssen, in Seen." Das stimmungsvolle Klavierstück "The End" setzt dem schließlich einen mantraartig wiederholten, tröstenden Schlusssatz entgegen: "Es wird in Ordnung sein."