"Verlust ist ein Teil dieses langen Lebens"

Michael Loesl

Von Michael Loesl

Mi, 16. Oktober 2019

Rock & Pop

Die Band Elbow schöpft auf ihrem Album "Giants Of All Sizes" selbst aus den dunkelsten Momenten noch Hoffnung.

"Giants Of All Sizes", das neue Album der englischen Rockband Elbow, einem der Headliner des Festivals "Rolling Stone Park" (siehe Infobox) beginnt nicht mit ei
nem Song, sondern mit einem kompositorischen Großaufgebot. Genau genommen sind es sogar zwei mittelgroße Motive, die zu einem unwiderstehlichen Ganzen zusammengefügt wurden.

"Dexter & Sinister", die Einstiegsnummer und gleichsam das längste Stück der Platte, unterstreicht eindrücklich, warum Elbow fraglos eine der interessantesten englischen Bands der Post-Britpop-Ära geblieben ist. Schlurfende, schwere Taktung führt dieses Stück Rocktheater zunächst an, das von kurzen, signalhaft auftauchenden Synth-Flächen definiert wird. Sänger Guy Garvey verbreitet dazu ein Lamento, das ohnmächtig den Verlust von Menschen, an Glauben, Hoffnung und Nächstenliebe beklagt.

Als ob das nicht schon beseelter Prog-Rock genug wäre, heult die Gitarre dazu in bester 70er-Jahre-Verzerrung auf. Und überall schwirren kleine, perkussive Skizzen durch den Raum, bis der Breitwand-Sound nach gut vier Minuten an Rauschen verliert und Guy Garvey feststellt: "Verlust ist ein Teil dieses langen Lebens, aber Dexter und Sinister?". Dann bohrt sich der Presslufthammer, wie er ein wenig arg plakativ singt, weiter in sein Herz, bevor das Tempo anzieht. Die Metrik, das ganze Geschehen ändert plötzlich die Umgebung, mündet schließlich in wortlosem Klagegesang und beinahe leichtfüßigen Gitarrenakkorden.

"Das Album ist bisweilen düster, aber es hat ein großes, wenngleich auch ein verletztes Herz", beschreibt Garvey das neun Stücke umfassende Werk, das Liebhaber von Elbows "Seldom Seen Kid"-Phase entzücken dürfte. Markierte das letzte Album "Little Fictions" die Hinwendung der Band zu einem sanfteren, klavierbasierten Sound, stellt "Giants Of All Sizes" beinahe eine Art Antithese dazu dar. Diesmal lassen Elbow ihre Musik wieder vornehmlich von ihrer verspielten Klangauffassung und Mark Potters Gitarrenarbeit definieren.

So klingt das neue Album in seiner verhältnismäßig rauen Art verdichteter als alles, was Elbow in den vergangenen zehn Jahren veröffentlichten. Deswegen ist die auf vier Mann geschrumpfte Band aber nicht weniger intelligent zu Werk gegangen. Die phonstarken Breitseiten fußen immer auf durchdachten Kompositionen. Und sie werden auch weiterhin von Garvey abgefedert. Der singt immer noch wie der große, bärige Lieblingsonkel, den sich jeder wünscht: versöhnlich, beinahe tröstend. Trotz der markigen Texte, die einen Bogen zwischen persönlichem Verlust und gesellschaftszersetzenden Tendenzen spannen.

Es überrascht kaum, dass Elbow als Kollektiv nichts von Boris Johnson und dessen Brexit-Torkeln halten. Vielmehr, sagt Potter, "schäme ich mich inzwischen regelrecht, Engländer zu sein. Einen wichtigen Teil des neuen Albums haben wir in Hamburg aufgenommen. Es war eine Wohltat, England für eine Weile entflohen zu sein, wo mittlerweile scheinbar alle gegeneinander agieren."

Guy Garvey erklärt in dem Zusammenhang, dass "Dexter & Sinister", dessen Titel in der lateinischen Bedeutung Links und Rechts benennt, und damit natürlich auch eine politische Dimension hat, am Anfang der Platte stehen muss. "Inhaltlich geht es auf dem Album vielfach um die direkte Konfrontation mit den Gespenstern der sozialen Ungerechtigkeit, und um die Aufspaltungen unserer Gesellschaften. Politiker versuchen, uns mit den alten Polen Gut oder Böse, Links oder Rechts, Sieger oder Verlierer zum Zwecke des Machtgewinns auf ihre Seiten zu ziehen. Nehmen wir daran teil, offenbaren wir beängstigende Kurzsichtigkeit."

Beeindruckend nuancenreich verbindet Garvey in seinen Texten die Pole Gesellschaft und das Auf und Ab des eigenen Lebens. Während der Aufnahmen zum neuen Album starb Garveys Vater. Angesichts dieser Erschütterung zeigt der Sänger und Texter der Band eine seiner großen Stärken. Er schöpft selbst in dunkelsten Momenten noch Hoffnung.

Offensichtlich wird das nicht nur, aber vor allem im relativ simpel gehaltenen Schlusssong "Weightless". Darin singt er seinem Sohn eine Art Wiegenlied: Sein Sohn sieht aus wie er, er sieht aus wie sein Vater, und wenn er seinen Sohn betrachtet, sieht er in ihm seinen Vater. Auch wenn Elbow zwischendurch den Himmel immer wieder aufreißen, dreht doch vor allem das Ende den schweren Mut um, von dem Garvey diesmal so oft singt. Ist das unterm Strich dann Musik als Gegenentwurf zum realen Weltgeschehen? "Wir beschreiben es als ‚Freude zufügen‘", erklärt Mark Potter. "Es geht immer ums Teilen des Fühlens. Und da wir keine zynischen Zeitgenossen sind, suchen wir einen Weg, der aus Tod und Chaos herausführt."

Elbow: Giants Of All Sizes (Polydor).