Camp

Viele chinesische Kinder müssen dringend abspecken

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Mi, 19. August 2015

Ausland

Auch diese 150 Kinder würden in den Ferien gerne von morgens bis abends an der Spielkonsole daddeln. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit im Pekinger "Slim-JF Gewichts-Management-Lager" mit Dauerlauf, Liegestütze, Rumpfbeugen und Sit-ups.

"Viele Eltern sind mit Beruf und Karriere viel zu beschäftigt, um auf Ernährung zu achten", sagt Gewichts-Coach Jia Wei. Und so passen meist Oma und Opa auf – und die verwöhnen die Enkel mit Süßigkeiten. Nun sollen Profis in den Ferien nachholen, was die Eltern zuvor versäumt haben.

Die Gleichung sei einfach, sagt Jia: Die jungen Teilnehmer sollen mehr Kalorien verbrauchen als sie zu sich nehmen. Also wenig essen plus viel Sport. An jedem der 42 Tage des Programms nehmen sie so 500 Gramm ab – mit viel Schweiß und Flüchen. Die Betreiber nennen ihre Einrichtung ironisch das "Teufels-Camp".

Die Existenz dieser Einrichtung ist Anzeichen für eine neue Zeit in China. Das Schwellenland hat die Armut weitgehend hinter sich gelassen und rast auf klassische Wohlstandsprobleme zu. In einer Kultur, in der sich viel ums Essen dreht, ist da das steigende Gewicht der Kinder das auffälligste Symptom dafür, dass etwas aus dem Ruder läuft.

Nach den bitterarmen ersten Jahren der Volksrepublik waren alle froh, mehr Fleisch auf die Rippen zu bekommen. Mit den Enkeln der Mangelgeneration schießt das Land nun über das Ziel hinaus. Einem aktuellen Bericht der Nationalen Gesundheitskommission zufolge sind 6,5 Prozent der Sechs- bis Siebzehnjährigen übergewichtig – dreimal mehr als vor zehn Jahren, Tendenz steil steigend. "Die schnellen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft wirken sich offenbar negativ auf die Gesundheit aus", sagte Kommissions-Vizechef Wang Guoqiang. Nur 18 Prozent der Bevölkerung bewegten sich körperlich ausreichend.

Da die Großeltern selbst aus einer Hungergeneration kommen, haben sie kein Gespür dafür, den Kleinen beim Essen Grenzen zu setzen. "Sie denken: je mehr, desto besser", sagt Gewichtstrainer Jia. Jetzt liege es an ihm, seinen Kindern die Grundkonzepte gesunder Ernährung beizubringen. Die Schützlinge in seinem Diät-Camp haben meist 35 bis 40 Kilogramm Übergewicht. Sie sind zwischen 8 und 15 Jahre alt. Einige der älteren Teilnehmer wiegen mehr als 100 Kilo.

Dass Jia gute Geschäfte macht, wundert nicht. Wer Chinesen zuschaut, die ihre quengelnden Kinder ruhigstellen wollen, sieht vor allem Gleichgültigkeit gegenüber Kalorien. Es gibt wahllos Chips, Kekse, Schokolade und knallsüße Getränke. Dazu kommen die Änderungen im Lebensstil. "Mit der fortschreitenden Einführung des westlichen Fastfood müssen wir immer öfter Übergewicht diagnostizieren", sagt Ma Jun vom Institut für die Gesundheit Heranwachsender an der Medizinischen Fakultät der Peking-Universität. Zudem war – entgegen verbreiteten Klischees – weißer Reis in der Vergangenheit gar nicht das Grundnahrungsmittel der Chinesen, sondern brauner Vollkornreis. Die weiße geschälte Variante galt als Delikatesse für Adelige. "Dieser Reis hat jedoch viel weniger Nährstoffe und mehr Kalorien", sagt der Ernährungsexperte Fan Zhihong. Fan rät zur Rückkehr zu Vollkornprodukten, um die Übergewichtswelle aufzuhalten.

Die Folgen der falschen Ernährung sind dramatisch. Eines von zehn Kindern in Peking hat Diabetes, zweimal mehr als im Jahr 2000. Die Diagnose betrifft immer jüngere Kinder, sagt Mediziner Ma Jun – ganz offensichtlich eine Folge des veränderten Lebensstils. In keinem Industrieland schreitet die Verbreitung von Übergewicht so schnell voran wie in China, sagt Zhao Wenhua, Vizedirektorin des Ernährungsinstituts am Chinese Center for Disease Control and Prevention bei Vorstellung eines aktuellen Berichts zu dem Problem. Die Durchschnittsgröße der Kinder hat zwar zugenommen – doch ihr Leibesumfang steige überproportional schnell, sagt die Expertin. Zhao sieht im üppigen Essen eine der Hauptursachen.

Aus Sicht der Großelterngeneration sind das alles vernachlässigbare Luxusprobleme. Viele der Omas und Opas haben beispielsweise die Schrecken des "Großen Sprungs nach vorn" miterlebt. Mit diesem Wirtschaftsexperiment wollte Diktator Mao Zedong China mit einem Schlag unter die entwickelten Länder katapultieren. Das Projekt scheiterte, aus dem "Großen Sprung" wurde von 1958 bis 1961 die "Große Hungersnot", etwa 30 Millionen Menschen starben an Unterernährung. Ganze Dörfer wurden entvölkert. Das sitzt als Erinnerung immer noch fest in den Köpfen der Großeltern.

Die Kommunistische Partei nimmt sich des Problems derzeit an, wie eine Flut von Konferenzen und Studien zeigt. Auf einem Parteitag hat sie in ihr Programm geschrieben, dass den Kindern "weniger Stress, mehr Sport" zustehe. Schließlich soll China die USA und Europa einmal bei der Wirtschaftsleistung einholen – nicht bei der Fettleibigkeit.