Heitersheim

"Viele wussten nicht, was sich für eine Geschichte hinter dem Schloss verbirgt"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Sa, 10. Oktober 2020 um 19:18 Uhr

Der Sonntag

Der Sonntag Ordenssitz, Fürstentum und Steinbruch: Seit 500 Jahren prägt das Malteserschloss die Geschichte von Heitersheim – und verbindet die kleine Stadt im Markgräflerland mit Ereignissen der Welthistorie.

Seit mehr als 500 Jahren gehört zu dem Städtchen Heitersheim im Markgräflerland ein imposantes Schloss. Der Orden, der es einst erbauen ließ, gab dem 6 000-Einwohnerort sogar seinen Beinamen: Malteserstadt. Vor knapp zwei Jahren ist über die Zukunft des historischen Erbes ein Streit entbrannt, der weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgt: Der Schwester-Orden, der es 1893 erwarb, hat das Gebäudeensemble zum Unmut einer starken Minderheit mittlerweile an eine Investorengruppe verkauft, die in dem Schloss 2023 eine internationale Privatschule eröffnen möchte.

Wer sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Schlosses begibt, landet in der Kreuzfahrerstadt Akkon im Norden Israels – oder, etwas später, auf den Inseln Rhodos und Malta. In einem kleinen, schmucken Museum im Keller eines der vielen Gebäude bewahren einige engagierte Heitersheimer die Erinnerung an die Geschichte des Schlosses, das eine Zeit lang sogar europaweite Bedeutung erlangte. "Viele Heitersheimer wissen gar nicht, was sich für eine Geschichte hinter dem Schloss verbirgt", sagt Josef Rupp, ein Arzt im Ruhestand, der sich wie kaum ein anderer mit dieser Historie beschäftigt hat.

Im Jahr 1291 war den Mameluken der entscheidende Schlag gegen die letzte Kreuzfahrerstadt im Nahen Osten gelungen. Das Heer aus Leibeigenen des Sultans drang in Akkon ein, tötete die Christen oder legte sie für den Sklavenmarkt in Ketten. Damit war das Kapitel der Kreuzfahrer zu Ende.

Der Johanniterorden verpflichtete sich zur Pflege der christlichen Pilger

Fast 200 Jahre lang hatten sie mit ihren Eroberungen die Geschicke im Heiligen Land mitbestimmt. Gleich nach der Einnahme Jerusalems 1099 hatte sich der Johanniterorden gegründet. Er verschrieb sich der Pflege der christlichen Pilger und der Verteidigung der Pilgerstätten. Oberster Dienstherr des Ordens war der Papst. Die Ritter, sagt Rupp, seien meist dritte oder weitere Söhne aus Adelshäusern gewesen, für die es kein Erbe gab. Zu seinen Besitztümern kam der Orden durch Schenkungen, meist durch Adelige in Europa. So vermachten die Herren von Staufen 1272 einen herrschaftlichen Gutshof in Heitersheim der Freiburger Niederlassung der Johanniter.

Nach ihrer Vertreibung durch die Mameluken aus Akkon flohen die Ordensritter erst für einige Jahre nach Zypern und dann nach Rhodos, wo sie einen Ordensstaat mit einer gewaltigen, noch heute bestehenden Festung gründeten. Der Rückweg in die europäische Heimat war ihnen verwehrt: Kein König oder Fürst hätte die Ansiedlung des Ritterordens als Staat im Staat auf eigenem Territorium geduldet, meint Rupp.

Großprior Graf Rudolf von Werdenberg-Sargans verlegte den Sitz nach Heitersheim

Der Besitz um den Gutshof in Heitersheim wuchs so stark, dass der Johanniterorden spätestens 1335 eine eigene Niederlassung gründete. 1428 erhob Rhodos das Bauerndorf Heitersheim sogar zum ständigen Sitz des deutschen Großpriors. Von Heitersheim aus wurden nun die Ordensbesitztümer der heutigen Benelux-Staaten, der Schweiz, Österreich, Böhmen, Mähren, Polen und Südskandinavien verwaltet. Anfangs pendelte der Großprior zwischen Rhodos und Heitersheim; erst Großprior Graf Rudolf von Werdenberg-Sargans machte damit Schluss und verlegte 1481 den Sitz ganz nach Heitersheim. Dessen Nachfolger Johann von Hattstein sorgte für ein standesgemäßes Domizil, indem er ab 1516 ein Wasserschloss errichten ließ. Damit hatte Heitersheim die benachbarte Ordensniederlassung in Freiburg überflügelt. In Freiburg hatte es für eine Erweiterung schlicht keinen Platz.

Dann wurde es wieder unruhig. 1522 mussten sich die Ordensritter auf Rhodos der Übermacht des Osmanenreichs von Süleyman beugen. Wenigstens gestattete der Sultan den besiegten Glaubenskriegern freies Geleit. Da aber keine neue Heimat in Sicht war, verbrachten die Ritter die nächsten zehn Jahre auf einem Schiff. In Süddeutschland war inzwischen der Bauernkrieg ausgebrochen und das Wasserschloss wurde noch in der Bauphase von Aufständischen besetzt. Statt des Großpriors nahm nun der Rädelsführer Hans Graf – der als früherer Schlossverwalter die Seiten gewechselt hatte – das Schloss zu seinem Sitz. Überlebt hat er den Aufstand nicht.

Aus dem Johanniter-Orden wurde der Malterser-Orden

Im Jahr 1530 fand Kaiser Karl V. für die 500 Ordensritter endlich einen neuen Sitz: die Insel Malta. Das war eine strategische Entscheidung. Der Habsburger Karl V. sah sich als Beschützer Europas vor den Machtgelüsten der Osmanen. Da konnte er eine ausgebaute Festung im Mittelmeer gut gebrauchen. Der Johanniter-Orden war zwar wenig begeistert von der kargen, felsigen Insel. Eine Wahl hatte er aber nicht. Die neue Heimat führte schließlich zum Namenswechsel: Aus dem Johanniter- wurde der Malteser-Orden. Wehrten die Ritter im 16. Jahrhundert noch einen Angriff von Süleyman ab, verlor der Orden bald seine ursprüngliche Bedeutung als Verteidiger des Glaubens. Stattdessen legte er das Fundament für die karitative Hilfe, für die er heute bekannt ist: Er ließ in Malta große Krankenhäuser bauen, deren mächtige, gewölbeartige Patientenräume man heute noch bestaunen kann. Weil der Orden auch Besitztümer in protestantischen Regionen hatte, kam es 1538 zur Abspaltung. Der protestantische Orden firmiert seitdem unter dem altem Namen Johanniter. Wie sein katholisches Pendant haben sich die Johanniter auf die karitative Hilfe verlegt.

Nach dem Bauernkrieg ging es auch mit der Ordensniederlassung in Heitersheim wieder aufwärts. 1548 wurde der nächste Großprior – Georg Schilling von Cannstatt – von Kaiser Karl V. aufgrund seiner Verdienste in den Fürstenstand erhoben. Heitersheim stieg zum Fürstentum auf. Entsprechend musste die Residenz ausgebaut werden. Die Blütezeit währte aber nicht lange. Im Dreißigjährigen Krieg zogen zwischen 1632 und 1638 mehrfach kaiserliche und schwedische Truppen plündernd und brandschatzend durch den Ort. Das Schloss aber blieb weitgehend verschont. Im 18. Jahrhundert wurde wieder gebaut: das Kanzleigebäude in barockem Stil, eine neue Zehntscheuer mit Turm sowie ein Fruchtspeicher. In Malta regierte zu dieser Zeit ein deutscher Großmeister namens Ferdinand den Orden. Mit ihm aber endete die Zeit in Malta. 1798 betrat Napoleon mit tausenden Soldaten die Insel. Gegenwehr habe es keine gegeben, sagt Rupp: Unter den verbliebenen 300 Rittern waren rund 200 von Napoleon begeisterte Franzosen. Die mächtigen Gebäude des Ordens aber haben die Zeit bis heute überdauert. Der Orden zog nach Triest und dann nach Rom, wo er heute in seinem Ministaat residiert – in Nachbarschaft zum Papst, dem er noch immer untersteht.

Verkauf an Privatpersonen konnte Verfall nicht aufhalten

Napoleon stand auch am Anfang des Niedergangs des Malteserschlosses in Heitersheim. Er beendete 1806 Fürstentum und Großpriorat und schlug den Besitz Baden zu. Nach dem Tod des letzten Großpriors im folgenden Jahr ließ der Großherzog von Baden das Schloss so gründlich leer räumen, dass man in dem Museum heute vergeblich nach Originalen sucht. Nach dem Abzug der Franzosen wurde die gesamte Anlage dem Verfall preisgegeben, weil sich niemand den Unterhalt leisten konnte. Auch der spätere Verkauf an Privatpersonen konnte den Verfall nicht aufhalten. Teilweise wurden Gebäude wie die Fürstenwohnung und die Kapelle im Südflügel abgerissen und als Steinbruch genutzt. So kam das reich verzierte Barockportal der Fürstenwohnung mit der Jahreszahl 1544 in das Gasthaus "Ochsen", das sich heute "OX" nennt.

Der Niedergang fand erst 1893 ein Ende mit dem Verkauf an den "Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul". Neue Gebäude wie das markante Altenheim füllten bald die Abbruchlücken. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche diente zur Versorgung der Schwestern und der ordenseigenen Krankenhäuser. Mitte der 1980er-Jahre wurde das Schloss sogar für die Öffentlichkeit zugänglich. Schlosskonzerte, Trauungen und das Malteser- und Johanniter-Museum füllten die alten Mauern mit noch mehr Leben. 2013 aber entschloss sich der Orden schweren Herzens zum Verkauf, da die verbliebenen Schwestern inzwischen ein hohes Alter erreicht haben. In diesem Jahr wurde der Stab an die neuen Eigentümer weitergegeben.