Vielleicht müsste ja ein radikales Umdenken in unserem Wertesystem stattfinden

Daniela Hipp

Von Daniela Hipp (Stegen)

Di, 28. Juli 2020

Leserbriefe

Der Kommentar von Frau Bürckholdt zur aktuellen Situation in Kitas und Grundschulen hat mich sehr beschäftigt. Tatsächlich ist die momentane Situation unbefriedigend – Kinder, deren Nase "nur" läuft, müssen zuhause bleiben.

Dies ist für Eltern unverständlich und mit Stress verbunden. Die meisten Eltern werden ihre Krankheitstage für ihre Kinder bereits aufgebraucht haben und sind nun ratlos, wie sie Kinderbetreuung und Beruf miteinander vereinbaren können. Aus Sicht des pädagogischen Personals hingegen ist dieses strenge Regelwerk der einzige Weg, sich und ihre Angehörigen zu schützen. Weder Eltern noch Personal können einschätzen, ob es sich bei der laufenden Nase um eine Corona-Infektion oder um einen normalen Schnupfen handelt. Um Kinderarztpraxen nicht zum Kollabieren zu bringen und (Kleinst-)Kindern einen Corona-Test zu ersparen, kann das Kind erst wieder die Kita besuchen, wenn es symptomfrei ist.

Die Argumentation, wer mit Kindern arbeite, sei stets einem Infektionsrisiko ausgesetzt, greift für mich zu kurz. Dies gälte ja dann auch zum Beispiel für Pflegeberufe, etwa nach dem Motto "Augen auf bei der Berufswahl". Das kann nicht die Lösung sein. In der Corona-Krise, wird wieder einmal schmerzhaft sichtbar, was davor schon lange vor sich hin schwelte: mangelnde Wertschätzung und schlechte Bezahlung in sozialen Berufen, die doch anscheinend systemrelevant sind.

Vielleicht muss man sich als Gesellschaft die Frage stellen, welchen Stellenwert die Menschen haben, die in solchen Berufen arbeiten, und sich fragen, was passiert wäre, wenn sich diese Menschen geweigert hätten, während der akuten Phase der Corona-Krise Doppelschichten auf sich zu nehmen, Überstunden anzuhäufen und in eilig eingerichteten Kindernotbetreuungsgruppen zu arbeiten.

Nicht zuletzt wird die Frage gestellt, was uns Kinder und ihre Familien wert sind. Nur zehn Krankheitstage pro Kind und Elternteil im Jahr? Vielleicht müsste ein radikales Umdenken in unserem Wertesystem geschehen. Daniela Hipp, Stegen