Outdoor-Paradies

Von Bären und Partisanen: Der Sutjeska-Nationalpark steckt voller Geschichte(n)

Uwe Baumann

Von Uwe Baumann

Fr, 12. Februar 2021 um 21:00 Uhr

Reise

Karge Einsamkeit und wilde Schönheit: Unterwegs im Nationalpark Sutjeska in Bosnien-Herzegowina – einem Traumziel für Outdoor-Liebhaber, die es gerne ursprünglich mögen.

"Wir müssen jetzt ganz still sein", wispert Vladimir. Auf dem Boden sind frische Wildspuren. Äußerst vorsichtig tasten wir uns vorwärts durch den Wald. Meine Bergschuhe quietschen bei fast jedem Schritt. Vlado, so der Spitzname des Parkrangers, wirft mir dafür tadelnde Blicke über seine Schulter. Mit Wild-Watching wird es heute nichts mehr – zumindest nicht in nächster Nähe. Am Aussichtspunkt Boric angekommen, öffnet sich vor uns die Schlucht des Sutjeska und um sie herum eine Landschaft, die berühmten Nationalparks Nordamerikas in nichts nachsteht. Und hier sehen wir auch ein paar Gämsen über das Geröll sprinten – jedoch am Berghang gegenüber. Macht nichts, die Aussicht über den Park hat mich längst in ihren Bann gezogen.

Ein kaum bekanntes Naturwunder

Felsformationen wie im kalifornischen Yosemite, tiefe Schluchten, klares Wasser und unbesiedelte Weiten finden sich im Nationalpark Sutjeska im Osten Bosnien-Herzegowinas an der Grenze zu Montenegro. Zwei Autostunden von der längst zum Trendziel gewordenen Hauptstadt Sarajevo entfernt, ragt dort der höchste Berg des Landes, der Maglic (sprich: Maglitsch) auf, daneben breitet sich einer der letzten Urwälder Europas aus. Das Tal der Sutjeska und ihre wilden Nebenflüsse locken Wildwassersportler, im Sommer sind die Camps, Restaurants und das Hotel im Hauptort Tjentiste (sprich: Tjentischte) gut besucht. Wer nicht wandern, radeln oder raften möchte, findet dort einen riesigen Badesee mit Bergpanorama und ein paar kleine Chalets für den Hüttenzauber. Überlaufen ist das Nationalparkzentrum dennoch nicht – im Gegenteil: Bislang suchen vornehmlich Menschen aus der Region Sutjeska auf.Die Atmosphäre im Park ist bemerkenswert ruhig. Bettenburgen und große Supermärkte sucht man glücklicherweise vergeblich.

Schlaglöcher, Steilhänge, Steinschlag – nichts für ungeübte Fahrer

Hinauf zum Wanderparkplatz am Fuße des Maglic führt eine etwa zwölf Kilometer lange Straße, die unbedarften Fahrern einiges abverlangt: Schlaglöcher, Steilhänge und Steinschlag. Sehr empfehlenswert ist es daher, eine Fahrt im Jeep bei der Parkverwaltung zu buchen.

Im Schritttempo poltern Vlado und ich hinauf, manchmal nur wenige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Ein orthodoxes Kreuz baumelt am Rückspiegel – Schutz braucht es bei den Straßen wohl. Bruchstückhaft erzählt mir Vlado von Flora und Fauna – sein Englisch reicht zur einfachen Verständigung, wie bei den meisten Rangern im Park.

Plötzlich regnet es in Strömen, die Straße verschwimmt zunehmend. Besser umkehren und das Tagesziel Maglic mit dem malerischen, smaragdfarbenen Trnovacko-See aufgeben?

Von einer nahen Almhütte steigt Rauch auf. Vielleicht können wir dort Unterschlupf finden? Ein Glück, Banjo ist noch da. Er gehört zu den letzten Almbauern, die den ganzen Sommer dort oben verbringen. Unser Besuch freut ihn sehr. Schließlich kommt im Frühherbst nur noch selten jemand vorbei. Überschwänglich lädt er uns zu Kaffee und Kajmak ein, bis sich der Regen verzogen hat.

Der Rahmkäse Kajmak entfaltet seinen himmlischen Schmelz

Kajmak ist ein frischer Rahmkäse, der an leicht gesalzene Mascarpone erinnert. Sprach- und religionsübergreifend herrscht in Bosnien über dessen vorzüglichen Geschmack wohltuende Einigkeit. Aus einem großen Holzbottich schöpft Banjo behutsam die cremige Masse und wir genießen sie direkt mit etwas Brot und Rauchfleisch. Mit Kajmak aus dem Supermarkt hat dieser himmlische Schmelz wenig zu tun. Dazu gibt es bosnischen Kaffee und für die, die nicht fahren müssen, natürlich Rakija – hausgebrannten Schnaps.

Herumgezeigte Familienfotos überbrücken die Distanz

Wir verständigen uns primär mit Gesten und einzelnen Wörtern. Zudem werden Familienfotos herumgezeigt, um die Fremdheit abzubauen. Letztlich hat auch der Schnaps seinen Anteil daran, dass wir bald fröhlich in der warmen Hütte sitzen, während der Regen auf das Dach prasselt. An einer Wand hängt das Bild des serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej I., der im November an Covid-19 verstarb. Angesprochen auf das Bild des Bärtigen reden Vlado und Banjo über die Region und die serbische Sprache. Ich höre zu, versuche zu verstehen. Wir sind in Sutjeska nicht nur in Bosnien und Herzegowina, sondern auch in der Republika Srpska, der mehrheitlich serbisch bevölkerten Entität des Landes. Daher sind viele Schilder auf Kyrillisch und die blaue Landesflagge Bosniens scheint eher rar gesät. So ist die Lage seit dem Krieg.

Im Radio haben beide von den andauernden Kämpfen in Bergkarabach gehört. Vieles erinnert sie an damals. Bei Ausbruch des Bosnienkrieges habe es hier auch so geklungen, als plötzlich Detonationen düster von den Bergen hallten. 25 Jahre ist das nun her. Beide nicken und schweigen.

Schließlich zeigt Banjo stolz das Bild eines Bären, das er kürzlich aus nächster Nähe gemacht hat. Die gibt es im Nationalpark noch in freier Wildbahn. Wir verabschieden uns, denn zurück ins Tal braucht es noch über eine Stunde.

Raus aus der Komfortzone

Unterkünfte gibt es im Tal der Sutjeska wenige. Mein "Etno Guesthouse" der Familie Lalovic ist malerisch in einem Obstgarten direkt am Eingang des Nationalparks gelegen. Im alten Bauernhaus ist alles so geblieben, wie es schon bei ihren Großeltern aussah. Ein knisterndes Feuer im Herd verbreitet behagliche Wärme in der Stube.

Bei meiner ersten Nacht im Haus hält es mir die eigene Bequemlichkeit vor Augen. Morgens um halb vier taste ich mich durch die eisige Stube, um bibbernd Brennholz nachzulegen. Erwärmt geht es dann wieder ins Bett mit dem Gefühl, weiten Sternenhimmel und sehr viel Einsamkeit um mich zu wissen. Draußen raschelt etwas und ruft die Bilder von Banjos Bären wieder in Erinnerung – ob der bis hier runter kommt? Und die Wölfe? Besser nochmal kontrollieren, dass die Haustür gut abgeschlossen ist.

Naturschutz als Denkmal

Etwas gerädert treffe ich den Ranger am nächsten Morgen wieder am Hotel Mladic – dem größten Hotel im Park. Etwas in die Jahre gekommen, versprüht es den authentischen Charme einer Jugendherberge. Das ehemals erste Haus am Platz steht in direkter Nachbarschaft. Doch mehr als einen hohlen Zahn hat der Bosnienkrieg vom Hotel Sutjeska nicht übrig gelassen – ein mahnender Fingerzeig auf das entschwundene Jugoslawien. Dessen Geschichte ist mit dem Nationalpark eng verbunden, denn in diesen schroffen Bergen gelang Titos Partisanen ein entscheidender Durchbruch durch die Belagerung der vielfach stärkeren Achsenmächte. Daran erinnert in Tjentiste ein weithin sichtbares Denkmal in bizarren modernistischen Formen. Ziel für Nostalgiker und Architekturliebhaber.

Was viele heute übersehen: Der Park selbst ist Teil des Denkmals. Die historische Landschaft der Schlacht im Zweiten Weltkrieg sollte der Nachwelt erhalten werden. Im Park begegnen einem daher immer wieder kleinere Skulpturen und Gedenktafeln, teilweise komplett überwachsen.

Die Natur ist hier wie einst, beispielsweise Perucica, der eingangs erwähnte Urwald. Wer das Glück hat, durch dieses Gehölz zu wandern, bekommt ein Gefühl dafür, was Wald wirklich bedeuten kann, wenn man ihn Wald sein lässt. Einzigartige Panoramen tun sich beim Wandern auf, wenn die Baumkronen den Blick freigeben. Wir sehen Wasserfälle wie den beeindruckenden Skakavac und schroffe Bergkämme, die sich in der Ferne verlieren.

Baden wie einst Tito

Tagesziel ist der See Donje Bare im Zelen-Gora-Massiv. An diesem glasklaren Bergsee, eingebettet in sattgrünen Wiesengrund, stand einst Titos Jagdvilla. "Elisabeth Taylor hat hier gewohnt", sagt der Guide stolz. Mehrere Monate war die Hollywoodlegende dort einquartiert, während ihr damaliger Ehemann Richard Burton für die Dreharbeiten zum Streifen "Die fünfte Offensive" Tito im Partisanenkampf mimte. Für Normalsterbliche sei Donje Bare im Sozialismus aber völlig unerreichbar gewesen.

Heute kann jeder im malerischen See baden wie einst die jugoslawische Elite. Auch durch die hüfthohen Blumenwiesen der Umgebung kann man sorglos schreiten. Minengefahr, wie andernorts in Bosnien, ist im Nationalpark nicht gegeben. Der beeindruckende Fernwanderweg Via Dinarica kreuzt die Hochebene in unmittelbarer Nähe.

Wir öffnen die Rucksäcke, tischen Brot, Banjos Kajmak und Saft auf; brechen mit den Händen, tunken, genießen und gestikulieren. Vlado scheint zu spüren, dass ich den Zauber dieses Platzes erkannt habe. Er lächelt zufrieden in die Sonne und fragt, ob ich wiederkommen würde. "Sofort", entgegne ich und denke: Das könnte sie nun sein, diese gefühlte Authentizität, der die Menschen hinterher reisen. Naturerleben und nachhaltiger Tourismus ohne viel Kitsch sind hier (noch) möglich.
Sutjeska-Nationalpark

Anreise: Nächster Flughafen: Sarajevo. Von dort sind es etwa zwei Autostunden.
Einreise: Reisepass genügt, die internationale "Grüne Karte" der KFZ-Versicherung mitführen.
Unterwegs: Fernstraßen sind nicht überall gut ausgebaut; Nachtfahrten daher vermeiden. In den Zentren sprechen viele Englisch und Deutsch.
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