VON HERZEN: Dating in Zeiten von Corona

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Sa, 16. Mai 2020

Kolumnen (Sonstige)

Knapp neun Millionen Männer und Frauen in Deutschland sind laut der Statistikdatenbank Statista jede Woche auf Online-Datingportalen unterwegs. Oft stundenlang. Ihnen fordert das neue Normal des Social Distancing eine enorme Verzichtleistung ab. Man will sich schließlich irgendwann ganz real näher kommen und hofft, dass der Funke überspringt. Aber vielleicht springt nur das Virus über. Und Verlieben mit Maske – schon skurril. Brauchen wir also auch hier den Lockdown? Das könnte böse enden: In einer irren Endlosschleife, in der man sich rastlos auf der verzweifelten Suche nach Befriedigung durch immer neue Profile klickt. Suchtgefahr! Oder in der Rebellion: Was schert mich das Infektionsrisiko, ich tue’s trotzdem. Glücklicherweise ist der Mensch ein Wesen, das sich anpassen und auch die Chancen der Krise erkennen kann. Vielleicht braucht es beim Dating statt des Lockdown einfach nur den Slowdown, wofür der Freiburger Psychologe Markus Heinrichs plädiert. Kein Tinder wisch und weg, Abschied vom Konsumismus, statt dessen langsames Kennenlernen, via FaceTime, Mail, Telefon. Und schließlich das erste Date, das seinen Höhepunkt eben altmodisch-romantisch in tiefen Blicken findet. Mit der Hoffnung auf mehr. Nicht ausgeschlossen, dass später einmal viele Paare sagen werden: Wir haben während Corona zueinandergefunden.