Erreger

Vor 100 Jahren wütete die Spanische Grippe – Virus verbreitete sich rasend schnell

dpa

Von dpa

Mo, 05. Februar 2018 um 15:52 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Sie war schnell, ansteckend und tödlich: Die Spanische Grippe traf die Menschen 1918 so hart wie keine andere Pandemie der Moderne. Bis zu 50 Millionen Menschen sind dadurch gestorben.

Bis sie die Erde umrundet hatte, dauerte es nur wenige Monate. Die Menschen starben ihretwegen reihenweise, besonders im Herbst 1918. Es geht nicht um eine Großmacht im Ersten Weltkrieg (1914-1918), sondern um die Spanische Grippe, an der nach Schätzungen mehr Menschen umkamen als in allen Kampfhandlungen des Weltkriegs. Sie entwickelte sich in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten.
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Allein im Deutschen Reich sollen einer Studie zufolge rund 426 000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen sein. Das entspricht einer mittleren Großstadt – einfach ausradiert. "Bei unserem heutigen Gesundheitssystem wäre das praktisch nicht vorstellbar", sagt die Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Gleichwohl: Indien und Südafrika etwa erwischte es sehr viel heftiger. Und längst nicht aus allen Ländern gibt es überhaupt Daten zu dieser Epidemie.

Aussagen mit letzter Sicherheit sind daher schwierig. Der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte, hat über die Spanische Grippe geforscht. Es habe damals alles relativ harmlos begonnen, sagt der Mediziner. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber nur relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen wie in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, hätten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen angesteckt.



"Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten", sagt Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. "So etwas hat natürlich nicht geholfen", so Witte.

Selbst der spanische König soll an dem damals noch unbekannten Erreger erkrankt sein. Das ist ein Grund, weshalb die Pandemie als "Spanische Grippe" in die Geschichte einging. Dass sie nicht aus diesem Land stammte, ist aber relativ sicher. Um den wahren Ursprung ranken sich mehrere Theorien. Witte zufolge wird angenommen, dass an der Grippe zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, im März 1918 erkrankten. Mit Truppenschiffen soll das Virus nach Europa gelangt sein. Die Menschen steckten sich durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen an, wohl jeder Ort hatte Opfer zu beklagen.

Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt. Zeitgenössische Ärzte hielten ein "Grippe-Bakterium" für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte später entdeckt werden – 1933.

Doch wie sieht es heute aus? Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Buda. Genau die gleiche Situation wie 1918 werde so nicht mehr eintreten. Damals seien die Lebensbedingungen viel schlechter gewesen. Viele Menschen hätten zusätzlich schon unter anderen Krankheiten wie Tuberkulose gelitten. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht. Gleichwohl stellten sich heute andere gefährliche Herausforderungen, sagt Buda, wie zum Beispiel zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Zudem könne der globale Reiseverkehr zu einer noch viel schnelleren Virus-Verbreitung weltweit führen als 1918. "Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe", sagt sie.

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