WALD UND WIESE

Silke Hartenstein

Von Silke Hartenstein

Mi, 26. August 2020

Müllheim

Königliche Heilpflanze

Die Wälder und Wiesen vor der eigenen Haustür bewusster erkunden – das ist einer der Effekte, die die Corona-Krise mit sich brachte. Wenn man nicht mehr verreisen sollte, dann entdeckt man Altbekanntes oder nie Wahrgenommenes ganz neu. Eine kleine Serie soll Aufschluss darüber geben, was sich derzeit alles in der Natur beobachten lässt. Heute: die Königskerze.

Wo die Königskerze wächst, ist sie nicht zu übersehen. Derzeit springt im Markgräflerland vor allem die bis zu zwei Meter hohe Kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus) ins Auge. Von Juni bis August präsentiert sich die zwei- bis mehrjährige Pflanze aus der Familie der Braunwurzgewächse im Schmuck ihrer langen hellgelben Blütenstände. Die wegen ihrer filzigen Behaarung auch Wollblume genannte Pflanze fühlt sich wohl an steinigen Hängen, sonnigen Wegrändern, in Kiesgruben, auf Ödland, Lichtungen und an Dämmen und Ufern. Was die Fortpflanzung betrifft, ist die Königskerze trickreich: Um viele bestäubende Insekten anzulocken, täuschen die drei behaarten Staubblätter der Blüten mehr Pollen vor als tatsächlich vorhanden sind. Im Gegenzug dient sie für einige Eulenfalter-Arten als eine wichtige Futterpflanze. Mit ihren vielen winzigen Samen, die vom Wind verbreitet werden, hat sich die majestätisch anzusehende Pflanze ein großes "Königreich" erobert. Sie wächst in großen Teilen Eurasiens, in Algerien und Marokko und ist Einwanderer in weiteren Kontinenten, darunter auch Australien. Sie und viele ihrer rund 300 Verwandten werden außerdem als Heilpflanzen verwendet. Schon der griechische Arzt Hippokrates empfahl die Königskerze für Wundbehandlungen, in der Pflanzenheilkunde werden die Blüten und Blätter auch als schleimlösendes, auswurfförderndes Mittel gegen Husten und Heiserkeit eingesetzt.

Ihren Namen "Königskerze" verdankt sie übrigens nicht nur ihren gelben Blütenkerzen: Die hohen dicken Stängel wurden früher in Harz oder Pech eingetaucht und als Fackeln verwendet. Der Volksmund gab ihr auch Namen wie Fackelkraut und Himmelbrand. In katholischen Gegenden ist die Königskerze Bestandteil geweihter Kräuterbüschel, im Volksglauben nutzte man sie auch zur Wettervorhersage: Kleine Blütenstände sollen auf schneearme Winter, besonders lange, dicht besetzte Blütenstände auf lange, schneereiche Winter hinweisen.