Gerne wieder: La Gomera

Wanderschuhe statt Jesuslatschen

Claudia Diemar

Von Claudia Diemar

Sa, 23. November 2019

Reise

GERNE WIEDER: Auf La Gomera ist fast alles wie vor 25 Jahren.

unterschiedlich die Menschen doch ticken! Die einen sind stets auf der Suche nach dem Unbekannten, die anderen treibt es Jahr für Jahr an denselben Urlaubsort oder sie machen den gleichen Wochenendausflug. Warum? Das beschreiben Autoren der BZ in unserer Serie "Gerne wieder". Viel Vergnügen!

Wie Ob das Schiff noch zu kriegen ist, das in 20 Minuten ablegt? "Beten Sie zur Heiligen Jungfrau", zischt der Busfahrer, der für den Transport von Teneriffas Flughafen zum Fährhafen Los Cristianos zuständig ist. Wie ein Rennfahrer absolviert er die Strecke und hält nach exakt 19 Minuten direkt neben der Laderampe des Kahns. In letzter Sekunde geschafft! Das gemeinsame Abenteuer bringt das Grüppchen Reisender gleich ins Gespräch. Alle waren irgendwann schon mal auf La Gomera. Doch heute sind sie mit ihren Rollkoffern statt mit dem Rucksack unterwegs.

Nach wie vor ist die Insel praktisch nur über das Wasser zu erreichen, auch wenn sie über einen Miniaturflughafen verfügt, von dem aber kaum ein Flieger abhebt. Vielleicht hat man den Airport nur für Angela Merkel gebaut, die schon mehrmals Urlaub auf der Insel machte. Im Notfall könnte man die Kanzlerin von hier aus in die Luft befördern.

Merkel kommt zum Wandern. Das tun inzwischen viele Gäste. Vor 25 Jahren war das noch anders. Da gab es kaum einen Wegweiser auf der Insel. Zurechtfinden war schwierig. Heute ist das gesamte Terrain jedoch pfadfinderisch erschlossen und durchmarkiert. Aber manches ist eben genau wie damals.

Der Berggasthof von Efigenia Borges in Las Hayas serviert wie einst nichts anderes als Gofio – das ist ein kanarisches Grundnahrungsmittel und so etwas wie ein Allzweckmehl aus Mais und Gerste – mit Gemüseeintopf. "Bei mir war schon alles biodynamisch, als der Begriff noch gar nicht erfunden war", sagt die betagte Wirtin des Lokals.

Nach wie vor ist das Valle Gran Rey das Mekka der Gomerafans. Das Tal des großen Königs, wie es übersetzt heißt, ist mit seinen turmhohen Palmen an landschaftlicher Schönheit aber auch kaum zu überbieten. Ganz unten, am schwarzen Sandstrand, verteilt man sich in den Ortsteilen Vueltas (am Hafen), Playa (hinterm Strand) und La Calera, dem eigentlichen Dorf.

Die legendäre Bar Maria ist seit einiger Zeit geschlossen, aber noch immer trifft man sich direkt davor, um gemeinsam dem Sonnenuntergang zu huldigen. "Bei uns wird jeden Abend die Sonne ins Meer getrommelt", so Capitano Claudio, Herausgeber und Chefredakteur des Valle-Boten, der seit einem Vierteljahrhundert unter der Losung "unabhängig, überparteilich, abgedreht" das Inselgeschehen süffisant begleitet.

Man sieht in den Straßen und am Strand noch immer viele bunte Flatterkleider, Dreadlocks und selbstgebastelten Lederschmuck. Manche der Hippies von einst sind inzwischen im Großelternalter, was die Bandbreite der Gomeraliebhaber erweitert, sie umfasst jetzt mehrere Generationen.

Was auch überlebt hat, sind die mit schwarzen Basaltsteinen beschwerten Handzettel, die sich auf Schritt und Tritt auf den Mäuerchen finden. Sie annoncieren das esoterische Angebot vor Ort. Es gibt Kurse in Sachen "Kunst der Selbstliebe" oder ein "geführtes Selbstermächtigungsritual mit Krafttanz, Urschrei und Affirmation des Eigenwillens". Man kann sich zu Joachims "Mantra-Mitsing-Konzerten" begeben oder mit Johanna "Heilströme und die fünf Tibeter am Strand" erleben. Alles also noch immer ganz entspannt auf La Gomera, der zweitkleinsten kanarischen Insel. Nur die Haschischschwaden sind definitiv weniger dicht. Und die Jesuslatschen wurden überwiegend gegen Wanderstiefel getauscht.