Glosse

Warum das Zugfahren mit Maske großartig ist

Joshua Kocher

Von Joshua Kocher

Di, 21. Juli 2020 um 22:13 Uhr

Unterm Strich

Nervige Mitfahrende, Knoblauchfahne, gähnen. Alles kein Problem mehr mit der neuen Wunderwaffe für eine entspannte Bahnreise; dem Mund-Nasen-Schutz. Wir sollten uns nur nicht daran gewöhnen.

Eurocity Freiburg-Hamburg, früher Nachmittag. Eigentlich eine Traumstrecke; am Schwarzwald entlang, später am Rheinufer. Das Buch für die freien Tage liegt aufgeschlagen bereit. Doch noch während der Schaffner seine Begrüßungsworte durch die Lautsprecher röhrt, droht die Urlaubsstimmung zu verpuffen.

Gudrun und ihre Mädels – Ü-50, Typ Tupperparty – steigen ein, suchen hektisch ihre Plätze und hirnen dann laut darüber, ob in Gudruns Garten nun der Rhododendron blüht oder die Hortensien. Es folgt eine von weiteren wichtigen Beobachtungen ("Die Loreley winkt ja gar nicht") unterbrochene Diskussion, wie denn nun die Freundin von Kerl X mit Nachnamen heißt – ohne Ergebnis. Dafür wissen bald 50 Mitreisende, dass Gudruns Brot mit Schinken belegt ist und, dass zu Hause ein frisch gezimmertes Hochbeet auf sie wartet ("da musste für brennen, wenn’de so was baust").

Juckende Nase, schwitzende Wangen; alles egal

Diesen Tratsch muss man aushalten, keine Frage, schließlich gäbe es ja auch ein Ruheabteil – und Kopfhörer. Doch seit Kurzem existiert eine Wunderwaffe, die für solche Momente geschaffen ist: die Mund-Nasen-Bedeckung, verpflichtend bei Bahnfahrten, wie der nimmermüde Zug-Chef nach jedem Halt betont.

Juckende Nase, schwitzende Wangen; alles egal. Schließlich kann man unter der Maske Sachen tun, die man sonst nicht tun würde: Man kann Menschen wie Gudrun die Zunge rausstrecken – ohne, dass sie es sehen. Ein Anti-Stress-Ball fürs Gesicht.

Auch sonst hat die Maske nur Vorteile. Vor der Fahrt kann man jetzt ohne Bedenken einen Yufka mit Knoblauchsauce essen – die Fahne bleibt unter der Maske und der Nebensitzende verschont. Schlecht nur: Man hat den Geruch selbst in der Nase. Wiederum gut: Gähnen kann man ohne Hand vor dem Mund und das Schlafsabbern bleibt unentdeckt.

Blöd wäre nur, wenn wir uns an diese Masken-Ticks gewöhnen. Dann werden Zugfahrten, wenn sie denn hoffentlich bald wieder ohne Maske klappen, wirklich der Horror – auch ohne Gudruns.