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Warum der Hype um "Pokémon Go" so groß ist

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Sa, 16. Juli 2016 um 00:00 Uhr

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Das Spiel ist gerade Mal zehn Tage alt - und ein globales Phänomen. "Pokémon Go" ist so erfolgreich wie noch kein Handyspiel zuvor. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig, wie BZ-Redakteurin Carolin Buchheim weiß.

Die Glückwünsche überbrachte das Pornoportal YouPorn über Twitter: "Herzlichen Glückwunsch, Nintendo! Du hast das Internet kaputt gemacht. Pokémon Go ist offiziell populärer als Porno!" Denn der Blick in die Google-Trends der vergangenen Tage verrät, dass mittlerweile mehr Menschen nach dem Spiel mit den kleinen Monstern suchen, als nach den ansonsten uneinholbar weit vorne stehen Worten "Porno" und "Sex".

Der Erfolg des Spiels ist durchschlagend, ein globales Instant-Phänomen. Seit gerade einmal zehn Tagen ist das Handyspiel in den USA auf dem Markt, erst seit drei Tagen kann es auch von Nutzern in Deutschland ohne Umwege heruntergeladen werden. Schon jetzt ist klar, dass "Pokémon Go" das erfolgreichste Smartphone-Spiel ist, das es bisher gegeben hat; in den Charts der diversen App-Stores ist die App uneinholbar auf Rang eins.

Spielerrudel mit charakteristischer Körperhaltung und Tippverhalten

Was das tatsächlich bedeutet, sieht man jedoch nicht in Suchanfragen-Statistiken oder Download-Rankings, sondern auf den Straßen von San Francisco und Sydney, von Berlin und Freiburg. Der Anblick ist ungewohnt und verwirrend. In zum Teil erstaunlich großen Gruppen stehen Pokémon-Spielerinnen und -spieler an öffentlichen Orten zusammen und schauen auf ihre Handys. Denn das Spielfeld ist dank GPS und Google-Maps-Daten die reale Welt; die virtuellen Tiere locken vermeintlich stubenhockende Spieler an Orte, an denen sie vielleicht noch nicht waren.

Und Pokémons sind fast überall: Auf Facebook teilte ein amerikanischer Nutzer ein Foto eines "Squirtle", das er im irakischen Mossul gesichtet hatte. Manche Orte wollten in dieser Woche verständlicherweise schnell aus dem Spiel ausgeschlossen werden: Die Stiftung bayerische Gedenkstätten etwa, die die KZ-Gedenkstätten im Freistaat verwaltet, bat den Hersteller des Spiels, die Geolokalisierung vor Ort zu unterdrücken.

Spielspaß mit Nostalgiefaktor

Dass "Pokémon Go" ein so durchschlagender Erfolg ist, hat viele Gründe. Das Spiel ist kostenlos, das Spielkonzept banal, die Einstiegshürde dementsprechend niedrig. Es ist eine Schatzsuche mit dem Smartphone: Monsterchen finden, Monsterchen groß ziehen und sie schließlich kämpfen lassen.

Dazu kommt der Nostalgiefaktor: "Pokémon" ist eins der größten Comic-Franchises der Welt; wer heute ein Smartphone besitzt, ist entweder mit Pikachu und Co. in Computerspielen, Serien, Filmen und auf Sweatshirts aufgewachsen oder kennt die niedlichen Figuren, wie man eben Popkultur kennt. Die Beschäftigung damit ist – wie Popkultur so oft – ein bisschen albern und eine erholsame Flucht aus dem Alltag.

Das Spiel verzaubert den Alltag

Vor allem aber bringt das Spiel Magie in ebendiesen zurück. Max Weber beschrieb schon vor rund einhundert Jahren die durch Technologie entzauberte Welt. "Pokémon Go" ist das Gegenmittel. Dank "Augmented Reality", der Verknüpfung digitaler Inhalte mit der realen Welt , verzaubert die Maschine Smartphone die entzauberte Welt wieder. Im Spiel liegt über der Stadt, sichtbar nur für diejenigen, die die magische Maschine und das Spiel haben, eine weitere Welt mit eigenen Worten, Regeln und Zielen. Als Spieler wirft man im Büro, in der Tram oder auf dem Marktplatz für alle anderen unsichtbare Kugeln auf ebenso unsichtbare fledermausartige "Golbats" und "Habitak"-Vögel, die über den Köpfen der Mitfahrer oder Kollegen schweben.

In dieser unsichtbaren Welt kann jeder siegreich sein, der sich nur genug anstrengt, der weit genug läuft, um Pokémon-Eier auszubrüten, und strategische Allianzen eingeht, um Arenen zu kontrollieren. Wer nur genug Zeit im Spiel verbringt, gewinnt.

Spieler auf der Suche nach Kontakt zu Orten und Umwelt

Zugleich bringt das Spiel Menschen nicht nur mit den sie umgebenden Orten, sondern auch mit den darin vorhandenen Menschen in Kontakt. Als Pokémon-Spieler erkennt man andere Eingeweihte daran, mit welchen Mustern sie auf ihre Smartphones eintippen und an den Batteriepacks, die sie dabeihaben – ernsthafte Spieler sind länger unterwegs, als eine Akkuladung hält. Die erste Frage ruft man sich noch mit Abstand zu: "Welches Team: rot, gelb oder blau?" Gemeinsam besucht man neue Orte, lockt mit vereinten Kräften besonders viele Pokémons an oder verteidigt prestigeträchtige Spielarenen.

So befriedigt "Pokémon Go" ein grundlegendes Bedürfnis von Menschen nicht nur jungen Alters: Verbundenheit mit dem Ort, an dem man lebt, und mit Gleichgesinnten.

Wird der Hype ewig dauern? Wahrscheinlich nicht. Die Halbwertszeit digitaler Trends wird immer kürzer: "Farmville" spielte man Ende der Nullerjahre noch einige Monate, "Kim Kardashian Hollywood" Mitte der Zehner nur noch ein paar Wochen. Vor allem aber ist mit Pokémon "Augmented Reality" im Alltag angekommen – ein Ziel, das weder Medien noch Marken in den vergangenen sechs Jahren gelungen ist. Die Technologie wird sicher bleiben – auch wenn alle "Pikachu" gefunden haben.

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