Gerhart-Hauptmann-schule

Warum lässt man es zu, dass sich Grundschüler an einem Hitlerverehrer und Antisemiten täglich orientieren?

Christoph Schwarz

Von Christoph Schwarz (Freiburg)

Di, 17. November 2020

Leserbriefe Freiburg

Ein Leser zur Diskussion um Gerhart Hauptmann im Nationalsozialismus ("Bei der Diskussion um Gerhart Hauptmann gibt es keinen eindeutigen Schluss", BZ vom 9. November).
Auf dem Weg zur Arbeit begleitet mich täglich der Name Gerhart Hauptmann, wenn ich durch das Portal der Gerhart-Hauptmann-Schule in Freiburg gehe. Zugleich denke ich an das Lied des Kabarettisten Georg Kreisler "Weg zur Arbeit":
"...Grüß Gott Herr Hauptmann...Drüben macht der Hammerschlag seinen Bücherladen auf. Ich seh’ ihn noch heut’ vor mir. Er ist damals so gerannt und hat direkt vor seinem Buchgeschäft einen Scheiterhaufen aufgestellt und hat darauf Thomas Mann, Lion Feuchtwanger verbrannt und Erich Kästner und … viele andere, die jetzt sein Schaufenster verzier’n!" Als Georg Kreisler in den 60er Jahren dieses Lied verfasste, war er noch von SS-Schergen und Mitläufern umringt. Zur selben Zeit wurde 1963 die Grundschule am Seepark nach dem Faschisten Gerhart-Hauptmann-Schule umbenannt, der laut der BZ kein "Nazischriftsteller" war. Im Nachhinein eine Entnazifizierung – ein journalistischer Persilschein.

Wer war Gerhart Hauptmann während der NS-Zeit? 1933 beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP und schrieb über Hitler: "Die gestern gehaltene Rede des deutschen Reichskanzlers… wird man noch nach einigen hundert Jahren hören! Diese Rede müsste in ganz Deutschland angeschlagen werden." 1940 erklärte er den Massenmörder Hitler zum "Weltgenie", der 6 Millionen Juden ermorden ließ. Im September 1944 schreibt Hauptmann über den Obernazi: "Der Führer kennt meine Achtung vor seiner gewaltigen und schicksalhaften Persönlichkeit." Damals waren schon die Juden die meisten ermordet.

Hitler trug Hauptmann nicht nur in die "Gottbegnadeten-Liste", sondern auch in seine "Führerliste" als einen der sechs wichtigsten Schriftsteller ein.

Er war auch ein Antisemit. Den jüdischen Kritiker Alfred Kerr, der ihn wegen seiner Sympathiekundgebung der Nazis scharf angegriffen hatte, beschimpfte er als "Bestie, Schmeißfliege und Laus". Auch Alfred Döblin – jüdischer Schriftsteller – bekam es zu spüren: "Was durfte sich ein hergelaufener Jude herausnehmen? Zum Beispiel Döblin. Eine Wegelagerernatur, gegen eingeborene Deutsche ...". Kann ein Antisemit Vorbild für eine Freiburger Grundschule sein?

Heute sieht die Stadt Freiburg keinen Handlungsbedarf zur Namensänderung. Die Gleichgültigkeit der Stadt Freiburg, die die Heroisierung eines Hitlerverehrers hinnimmt, macht mir Angst.

Mir geht es wie Georg Kreisler: "Ich kann es nicht vergessen." Ich kann es nicht vergessen, dass Gerhart Hauptmann ein Nazi war. Als Enkel einer Holocaustüberlebenden ekelt mich dieser Name täglich an. Warum lässt man es zu, dass sich Grundschüler an einem Hitlerverehrer und Antisemiten täglich orientieren und zwangsläufig seinen Namen aussprechen?Christoph Schwarz, Freiburg